Traumwagen

Da steht er also. So als sei es völlig normal dass er da steht und auf mich wartet. Ich halte den Schlüssel in der Hand. Um mich herum stehen einige Menschen in Business Kleidung und lächeln mich an: Freue Dich, dass ist jetzt Deiner, strahlen sie mich an.

Einer der Verkäufer hält mir die Tür auf. Die ganze Situation ist so unwirklich wie sie nur sein kann. Regelrecht kafkaesk. 

Da ist nun also diese Karre. Letzten Endes ein schnödes Auto. Vom Prinzip her dazu gedacht Einen von A nach B zu bringen. Aber damit hat dieses Ding nur noch etwas am Rande zu tun. Zwar kann auch dieses Ungeheuer von einem zum anderen Ort befördern. Aber es mutet an, als würde man einen Strongman engagieren um ein Taschentuch aufzuheben. 

Weit über zweihunderttausend Euro. Ein Betrag, noch vor kurzem so abstrakt für mich, dass ich mir nicht hätte vorstellen können einen solchen Betrag überhaupt einmal zu besitzen. Geschweige denn ihn für ein schnödes Auto auszugeben.

Alle schauen mich erwartungsfroh an und erwarten, dass ich dieses Ding besteige. Mit einem stolzen Grinsen im Gesicht und Verzückung in den Augen. Mir aber ist nur schlecht. So sehr, dass ich mir Sorgen mache, direkt diese Karre vollzukotzen sobald ich mich in ihr befinde.

Man bemerkt mein Zögern. “Setzen Sie sich ruhig hinein. Er ist jetzt Ihrer und sie haben ihn sich verdient.” Ich habe ihn mir also verdient. Aber wie nur? Ich mache nichts anderes, als das was ich eh schon seit Jahren tue. Aber bisher hatte ich es mir durch diese Tätigkeit noch nicht einmal verdient jeden Tag des Monats satt zu werden. Geheizt hatte ich oft nur ein Mal in der Woche, wenn es hoch kam, im tiefsten Winter. Weil Wärme bedeutete, dass es an etwas anderem mangeln würde. Und nun plötzlich, wie aus dem Nichts habe ich mir plötzlich ein solches Ding verdient? Dass ich noch dazu wie aus der Portokasse zahlen kann? Ich muss mich zusammenreißen nicht laut loszuheulen und ich kann mich nicht entsinnen wann ich das letzte Mal derart betroffen war. Falls ich es überhaupt schon einmal gewesen bin. 

Irgendwann dann sitze ich in diesem Monstrum. Und einige Zeit später schaffe ich es aus diesem Tempel der Dekadenz heraus zu finden. 

Während ich in die Straße einbiege fühle ich mich, als hätte ich eine viel zu große Dosis einer Droge zu mir genommen, die mir nicht bekommt. 

Einige Menschen, meist optisch gut situiert, sehen sich nach mir und meinem neuen Wagen um. Sie werfen mir bewundernde Blicke zu, nicken, recken hin und wieder ihren Daumen oder winken. Sie bringen mir auffälligen Respekt entgegen obwohl sie mich gar nicht kennen oder wissen was ich tue und woher das Geld für diesen makaberen Witz stammt. Menschen die mich vor wenigen Tagen nur mit Verachtung bedacht hätten. Billige Klamotten, kaputte Zähne, eine Körperhaltung die Gram vermittelt. Und nun bewundern und schätzen sie mich. “Ich bin immer noch der Gleiche, Ihr verdammten Arschlöcher”, möchte ich sie anschreien. Mit einem durchgeladenen Maschinengewehr möchte ich durch die Straßen schreiten und ihre widerlichen Körper mit meinen Kugeln zerfetzen. Sie blutend am Straßenrand verrecken lassen. Es gibt kein Leid dieser Erde, dass ich ihnen nicht wünsche. 

Vor kurzer Zeit noch, haben mich diese Leute tief traurig und verzweifelt sein lassen. Ihre aufgesetzte Würde, diese verlogene Anständigkeit die sie vor sich herum tragen, ihre kecke Attitüde die sie im Alltag erscheinen läßt, als würden sie sich auf einem Laufsteg befinden. Und am Ende taten sie mir sogar etwas leid. Dafür, wie weit sie sich verrannt hatten und dafür, dass sie sich ihr eigenes und vor allen Dingen das Unglück vieler Anderer jeden Tag von neuem, mit tiefster Überzeugung erschufen. 

Nun, da ich ihre Verachtung überwunden habe und diese sich sogar in Wertschätzung verwandelt hat, bleibt nur noch tiefer Haß und Verachtung für diese Typen zurück. 

Benommen schaffe ich es ein paar Straßen weiter bis ich einen Parkplatz finde und das Ding dort abstelle. Als ich mich von dem Wagen fort bewege kreuzt ein Mann meinen Weg, der sich offensichtlich in einer ähnlichen Situation befindet, wie ich mich noch vor kurzem befunden habe. Er sieht mich heran kommen. Hat gesehen welchem Auto ich entstiegen bin und macht mir Platz, als hätte ich ein prinzipielles Vorrecht meinen Weg vor dem Seinen zu finden. Ich schäme mich zu Tode und entschuldige mich stammelnd bei ihm. Möchte ihm begreiflich machen, dass dies zwar meine Karre ist, ich aber nichts weniger im Sinn habe als mich in den Kreis der Reichen und Schönen einzureihen. Das ich nicht einer dieser Schmarotzer bin die sich unsere Gesellschaft erschaffen hat, die sie sich mehr Teile des Kuchens schnappen können als sie überhaupt runter kriegen und das ohne auf die Bedürfnisse vieler anderer Rücksicht nehmen zu müssen. 

Ich will ihm sagen, dass ich das nicht bin. Ihm erklären, dass ich nie vorhatte dieses aufgesetzte Stück Scheisse von Fortbewegungsgehabe wirklich zu nutzen. Das ich mich nur vergewissern wollte, dass sie es wirklich so weit treiben würden, mir diesen unverschämten Luxus zu gönnen. Aber der Mann sieht mich nur verschüchtert an und hat wohl das Gefühl, ich wolle ihn zusätzlich noch verarschen. 

Ich schmeisse den Schlüssel in den nächsten Mülleimer der mir begegnet. Verfrachte ihn an den einzigen Ort der ihm zusteht. Entweder Mahnmal bezüglich der grenzenlosen Gier des Menschen oder eben der Müll. Wobei für so etwas selbst der Müll eigentlich noch zu gut ist. 

Ich weiss, dass mich das Ding bald wieder einholen wird. Es wird nicht lange dauern bis ihn mir die Cops wieder bringen. Niemand lässt einen solchen Wert einfach verrotten. Leider.

Ich gehe wie durch einen dunklen Tunnel der ganz in der Ferne ein kleines Licht als Wegweiser bereit hält. Um mich herum wuseln die Menschen.Verfolgen ihre alltäglichen Banalitäten, die sie in aller Regel ausschliesslich auf Fressen und Scheissen reduziert. 

Produzieren, konsumieren und irgendwann tot umfallen. Dafür hat uns das Universum also hervorgebracht. Dafür verfügen wir über die Fähigkeit der Reflexion, der Möglichkeit Visionen zu entwickeln und unsere Umwelt zu prägen. Dafür dass wir sie auffressen und ausscheissen. Mir ist nur noch schlecht. 


Medienfluch

Ich weiss nicht warum, aber ich komme einfach nicht los von dem Dreck in den Medien. Netflix, Youtube, SpiegelOnline, alles der selbe manipulative Mist. Magnete die meine Zeit ziehen und als Gegenleistung nur Scheiße in meinem Hirn hinterlassen.

Jeder will unbedingt was sagen. Tausende sich überlagernder Stimmen die wie Dämonen den Raum befüllen und an mir reißen. Hast Du das schon gehört, hast Du das schon gesehen …?

LECKT MICH DOCH ALLE MAL AM ARSCH!!!

Mein Kopf brummt. Kein Raum für eigene Gedanken. Ein einziges Getöse. Ich schaffe es nicht diese Hölle an Aufmerksamkeitsgenage zu überwinden. Für kurze Momente, ja. Doch sobald ich mich etwas erholt habe zieht es mich wieder in den Strudel hinein. Wie eine Katze die in die Waschmaschine geraten ist und diesen Ort, sobald sie getrocknet ist, wieder aufsucht.

Was soll das Ganze? Ich benehme mich als stünden mir unendlich viele Leben zur Verfügung. Warum opfere ich meine Zeit für diese Dinge und warum zum Teufel, kann ich meinem Leben nicht mehr Sinn verleihen, als mich stetig bespielen zu lassen von aufmerksamkeits heischenden neurotischen Spinnern?

Früher hatte ich Bücher. Viele davon brachten mich weiter und noch weit mehr warteten darauf, dass ich mich mit ihnen beschäftige. Je älter ich werde, umso mehr bemerke ich wie meine Zeit mir durch die Finger rinnt. Was einmal unendlich schien verdichtet sich immer mehr. Und ich schmeiße mit dieser Zeit um mich, als könne ich es gar nicht erwarten, dass ich sie endlich los bin.

Dabei gäbe es so viel Gehaltvolleres zu tun. Selbst wenn ich den ganzen Tag nur Unrat aufsammeln würde, wäre mehr getan, als meine Zeit mit dieser Medienscheiße zu verbringen.

Ich schenke mir ein. Nüchtern ist dieser Zustand gar nicht zu ertragen. Greife meinen Laptop und schreibe. Irgendwas egal, alles besser als die ewige Berieselung. Meinen Fernseher habe ich abgeschafft. Schon vor vielen Jahren. Geschadet hat es mir nicht. Doch ohne es zu merken, hat Dieser sich lediglich transformiert satt zu verschwinden. Er hat sich in diesem Ding versteckt dass alles ist und kann. Im Guten wie im Schlechten. 

Ich sitze da, mit dem Rechner auf meinem Schoß und schreibe irgendwas. Alles besser als das da. Die Wand anstarren wäre besser. Sich den Kopf an der Wand einschlagen wäre besser. Alles besser als das!

Mit der Zeit ertrage ich es nicht mehr, verlasse meine Wohnung und laufe ziellos durch die Stadt. Vorbei an beleuchteten Kneipen, verschlossenen Läden und Menschen die um so vieles mehr in diese Welt zu passen scheinen wie ich. Ich sehe im Vorübergehen in ihre Augen. Ist da irgendjemand dem es so geht wie mir, oder bin ich wirklich damit auf mich selbst gestellt?

Wie ertragen all die Anderen das? Sie scheinen aufzugehen in dieser Welt. Arbeit, Freizeit, Schlafen, Tot. Kann doch nicht so schwer sein. Wenn ich meine Augen zumache kommt nur das Fieber. Hält mich die Nacht wach und spuckt mich in den nächsten Tag hinein. 

Ich denke an meine Therapeutin und frage mich, ob ihr davon erzählen soll. Aber was soll ich ihr sagen? Der Deal ist völlig offensichtlich, aber er funktioniert eben nicht. Weder für mich noch für die Andern. Warum aber bin ich der Einzige dem dies auffällt. Ich möchte zu ihr rennen und sie einfach nur umarmen. Eine Zeit lang, ohne Worte und dann wieder gehen. Der Gedanke jedoch scheint mir wesentlich verrückter als der sie ständig zu belügen.

So zu tun als ob. Als einziger Lösungsweg im Königreich des Absurden. Die Uhr tickt, klick, klack. Nähe als Wettlauf in Zeit und Raum.

Plötzlich knalle ich mit etwas zusammen. Mein Handy fällt runter. Als ich es aufhebe, sehe in zwei Augen die so wirken als seien es meine eigenen. Pass doch gefälligst auf! Und Du? Bist doch ebenso in mich gelaufen wie ich in dich. Ach fick dich doch! Und die Augen verschwinden wieder. Werden zu einem Hinterkopf der sich  im Dunkel des Abends auflöst. 

Ich stehe vor einem Haus dass mir nichts sagt. Wer hier wohnt und warum entzieht sich meiner Kenntnis. Ich drücke aufs gerade wohl eine Klingel. Die Tür geht auf, als hätte man mich erwartet. Ich folge den Treppen bis zu einer Tür, die einen Spalt weit aufsteht, doch keiner ist da um zu sehen wer da kommt. Also gehe ich hinein, auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht sagen kann was es ist.

Aus einem der Zimmer dringen Geräusche. Menschen die lachen und sich unterhalten. Mich dann verwundert ansehen und fragen was ich denn will. Könnt ihr mich denn nicht wenigstens verstehen, wenn ich es schon nicht tue?

Ehe ich mich versehe sitze ich mit Fremden an einem Tisch. Ein Glas Wein vor mir und alle verhalten sich so, als sei es völlig normal das da plötzlich ein Fremder bei ihnen am Tisch sitzt.

Es dauert Ewigkeiten bis ich die ersten Worte heraus bringe. Da ich nicht weiss was ich sagen soll, ergeben meine Worte keinen für mich nachvollziehbaren Sinn. 

Doch dann finde ich mich wieder in Gesprächen. Ein Wort gibt das andere, bis es Zeit ist zu gehen. Ich schwebe wie in Trance nach Hause zurück. Schalte den Rechner an und lasse irgendetwas laufen. Dann werde ich müde und während das Irgendwas noch im Hintergrund läuft ereilt mich endlich der Schlaf. 

Wieder ein Tag vorüber von dem ich nicht sagen kann wozu er gut war. Was auch egal ist, schließlich ist er vorüber.


Das Königreich der Armseligkeit

Er sitzt da. Vor ihm seine Fotos. Die er einst manipuliert hat. Nun wenden sie sich gegen ihn. Lächelnde Gesichter, zu ihrem Glück genötigt. Erst als die Farce perfekt war, kam der erlösende Moment der Aufnahme. Genau hierfür wurden sie konzipiert. Um der Realität einen Mantel über zu streifen. Sie zum Erfüllungsgehilfen des eigenen Unvermögens zu machen, sie bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren.

Doch all diese perfiden Tricks wollen nun nicht mehr funktionieren. Die Lüge verliert ihre Macht, wenn man nicht mehr an sie glaubt. In diesem Moment zerreißt der Vorhang und offenbart den hässlichen Inhalt des Scheins.

Ein Schloss gebaut auf Sand, dass letzten Endes nur darauf wartet verschlungen zu werden. Was lange Zeit absehbar war, ist nun nicht mehr zu bestreiten. Der Weg den er wählte, wird nun selbst ihm offenbar. 

Ein jeder ist vor allem das Produkt der Welt die ihn umgibt. Die ihn formt und sich in ihm abbildet. Und doch ist man nicht nur dass, sondern jeder von uns verfügt über das Vermögen dieser Welt seinen Anschein zu verleihen. Aber dies ist nicht jedem bewusst und es ist nicht einfach dies zu erkennen. Denn es geht darum in einem Meer aus ohrenbetäubenden Krach die eine feine Stimme heraus zu filtern die unberührt ist von dem Getöse. 

Nur weil man schreit, hat man lange noch nicht recht und die Wahrheit ist wie Wasser, dass sich langsam, aber unaufhaltsam und mit großer Macht seinen Weg bahnt. Sich ein Tal gräbt und selbst den härtesten Stein zu zermahlen in der Lage ist.

Aber es braucht Ruhe und Geduld dies zu erkennen. Während die Zeit des Alltags einen in ihrem komprimierten Strudel  mit sich reißt, klingt im Hintergrund die Stimme der Wahrhaftigkeit, die es nicht nötig hat zu schreien und sich ihrer selbst berauben würde, ließe sie sich auf den Sturm ein, der sie umgibt.

Du hast Dir Deine Welt aus Lug und Trug geschaffen, nun gehst Du in ihr unter. Und keiner Deiner sorgsam einstudierten Taschenspielertricks ist in der Lage dich davor zu bewahren. Wo ist der Joker, wer hat ihn gesehen. Eben war er doch noch da. Gerade noch zum Greifen nah. Nun drehen sich die Karten und er ist niemals dort wo man ihn erwartet hätte. 

So sitzt du nun vor deinen Bildern, die eine Geschichte erzählen die so niemals stattgefunden hat. Und du fragst dich verzweifelt wie dass denn sein kann. Schließlich liegt er doch klar vor dir, der Beweis, der nun zu einem Zeugnis deiner Lügen wird und dir dies deutlich zu verstehen gibt. Du aber verschließt nur umso fester Deine Ohren. Immer fester und fester ohne das du bemerkst, wie du dir sie bei dem verzweifelten Versuch zerdrückst, deinen Dämonen zu entkommen.

Das bessere Früher ist ein Konstrukt aus Manipulation. Eine Schutzbehauptung die dich davor bewahren soll der Realität ins Auge zu blicken. Mit all ihrer Kälte die dich in ihr umgibt. Aber ebenso wie das was war nie wiederkehren wird, waren die Zeiten jemals so, wie du sie in deiner Erinnerung behalten hast. Und auch die heutigen Zeiten, das wirst du sehn, klären auf mit den Tagen die vergehen. Wenn sie zum Rüstzeug werden gegen die Hässlichkeit des Folgenden und dich am Ende nur verschließen, statt dir Schutz zu bieten.

Dabei existiert das Glück ebenso wie der Verfall. Doch es ist immer nur ein Moments der dich umgibt. In jedem weiteren Augenblick hinüber. 

Wer versucht das Schöne, Wahre zu bewahren, der muss es loslassen können. Es durch ihn hindurchfließen lassen und nicht von ihm erwarten, dass es bleibt. Denn konserviert erfriert es unmittelbar. Eine wundervolle Rose in Acryl gegossen. Nur noch ein Anschein dessen, was es einmal gewesen ist.

So sitzt er nun vor seinen Fotos und diese bilden noch nicht einmal das Glück vergangener Zeiten ab, sondern offenbaren demjenigen der bereit ist näher hinzusehen, das perfide Schauspiel, dem sie erwachsen sind. Einen lächelnden Mund kann man leicht erzwingen. Die Augen jedoch verweigern sich weit mehr solchen Manipulationsversuchen.

“Lächele doch endlich mal, vorher löse ich nicht aus.”, fällt es Dir nun, bleischwer auf die Füße.