Spucki

Spucki hieß eigentlich gar nicht Spucki, dass war natürlich nur der Spitzname den ich ihm gegeben hatte. Ich nannte ihn auch nur so, wenn niemand außer uns beiden anwesend war. 

Die anderen nannten ihn Onkel Ernst. Sie waren viel zu pietätvoll um ihn anders zu nennen und mit Sicherheit wären sie bestürzt gewesen, wenn sie erfahren hätten wie ich ihn  nannte, wenn wir unter uns waren.

Ich weiss gar nicht mehr, wie lange Spucki sich schon in seinem Zustand befunden hatte. Er saß meistens in einem Rollstuhl oder lag auf seinem Bett und war weit weg getreten. Keiner seiner Ärzte konnte uns mit Sicherheit sagen, ob er von seiner Umwelt oder auch nur von seinem Zustand irgendetwas mitbekam. Sie gingen eher davon aus, dass dem nicht so war.

Aus seinen Mundwinkeln lief fortwährend ein dünnes Rinnsal Spucke, das immer wieder von einem von uns, oder einer der Krankenschwestern weggewischt wurde. So kam er auch zu seinem Spitznamen. 

Irgendwie fand ich seinen richtigen Namen auch wenig zutreffend, denn er ist ihm, zumindest soweit ich ihn kannte, nie gerecht geworden. 

Onkel Ernst, war alles gewesen, aber niemals ein ernster Mensch. Ich dachte manchmal, dass er vielleicht gerade aufgrund seines Namens immer zu Scherzen aufgelegt gewesen war. Sozusagen zum Trotz. 

Sein Humor, war allerdings nicht jedermanns Sache. So sehr ich diesen auch liebte, stieß er den meisten anderen aus unserer Familie vor den Kopf. Und das wunderte mich auch nicht gerade, denn Onkel Ernst, damals nannte auch ich ihn noch so, hatte wahrlich eigene Vorstellungen von dem was er als lustig empfand. Aber wie schon gesagt, ich war ein Fan seines Humors.

Meistens war dessen Basis sexueller und dazu noch ziemlich derber art. 

Ich kann mich an eine Situation erinnern, als er auf einer Party von mir auftauchte. Ich war vielleicht Anfang zwanzig gewesen und meine Gäste befanden sich in einem ähnlichen Alter. 

Warum kann ich nicht mehr sagen, aber plötzlich stand Onkel Ernst da und trank einfach mit uns. Ganz so, als ob er Teil unseres Kreises gewesen wäre. Er fragte nicht, ob uns das Recht sei, sondern beschloss aus eigenen Stücken an diesem Fest teilzuhaben. 

Die meiste Zeit des Abends saß er auf einer Couch, unterhielt sich, zumeist mit irgendeiner meiner Freundinnen die fast seine Enkelinnen hätten sein können, trank und ließ Unmengen von Joints herum gehen. Meine Gäste und gerade auch die Mädels liebten ihn dafür. 

Auch liebten sie ihn für seine Geschichten. Er hatte fraglos viel erlebt und war immer schon einer der Menschen gewesen, die zu einer intensiven Erfahrung einfach nicht nein sagen können und die Jahre hatten daraus einen reichhaltigen Fundus aus unterhaltsamen und erstaunlichen Geschichten hervor gebracht. Zudem schmückte er sie aus, wo immer sie ihm noch nicht unterhaltsam genug erschienen. 

Das begriff ich erst mit der Zeit, als er Geschichten zum Besten gab, die ich bezeugen konnte. Ich hatte ich sie teils deutlich anders in Erinnerung, wie er sie erzählte.

Ich aber machte ihm keinen Vorwurf daraus. Denn zum Einen nutzte er die Flunkereien nicht um sich aufzuspielen oder gar anzugeben und zum Anderen handelte es sich eben dabei um Geschichten und nicht in Stein gemeißelte Geschehnisse. 

Und sie waren gut. Eine besser als die Andere. Und wenn jemand in der Lage war, aus einer Alltags Begebenheit etwas zu machen, dass man nicht vergessen wollte, dann sollte es ihm, aus meiner Sicht, auch vergönnt sein, dieses Stilmittel zu verwenden.

Aber zurück zur Party; ich schweife ab. Onkel Ernst daß also da, unterhielt sich mit den Mädchen und genoss die Party sichtlich. Plötzlich sprang er auf und schrie aus vollem Hals.

“Seid froh ihr Süßen, dass ich so viel älter bin als ihr, denn ansonsten würde ich Euch hier und jetzt alle schwängern weil ihr so wundervoll seid. Ja, jede einzelne von Euch ist ein wahres Gedicht! Das muss man mal sagen.” 

Er ging dann reihum und gratulierte jeder anwesenden Frau zu ihrem Aussehen, ihrer Ausstrahlung, ihrem Witz oder ihrer Klugheit und passte diese Komplimente so an, dass sich jede Angesprochene in diesen erkannte. Sie liebten ihn alle dafür und fühlten sich geschmeichelt. 

Dann ließ er sich wieder auf die Couch fallen und drehte sich zu dem Mädchen um, dass neben ihm saß. Ihr hatte er noch kein Kompliment gemacht. 

“Und Du mein Schatz, riechst so atemberaubend gut, dass ich den Rest meines Lebens nur noch davon träume werde, wie ich Deinen Körper von oben bis unten mit meiner Nase erkunde und Deinem Duft huldige. Und eines kann ich Dir sagen” und dabei sah er vielsagend in die Runde, “wenn es an mir läge, würde es nicht beim riechen bleiben.”

Er lachte im Anschluß laut und schallend und alle anderen vielen in sein Lachen mit ein. Auch die Angesprochene, die ihm überhaupt nicht böse war, für seine Ausfälligkeit, sondern die sich ganz im Gegenteil davon geschmeichelt sah. Sie sah ihn sogar allen ernstes an und eröffnete ihm, dass er sich nicht mit seinem Traum zurückhalten müsse. 

Ernst ließ sich das nicht zweimal sagen und verschwand mit ihr, für eine geraume Zeit, in einem der Zimmer. Da die Musik recht laut war und wir zu diskret um zu lauschen, konnten wir nicht hören, ob sie mit der Ankündigung auch ernst machten, oder sich nur dort drinnen unterhielten um uns etwas drauf zu schicken. 

Als sie dann aber endlich wieder heraus kamen, sah die Kleine doch ziemlich zerzaust aus, hatte jedoch ein verträumtes Lächeln auf ihrem Gesicht, dass Bände sprach. Egal was auch immer er mit ihr dort drinnen veranstaltet hatte, sie schien es genossen zu haben. Und warum auch nicht. Erwachsen war sie und wenn Beide sich gut damit fühlten. Ich sah mich nicht in der Position dies zu kritisieren.

Nun aber war von Onkel Ernst nicht mehr viel übrig geblieben. Er hatte vor Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten und seitdem saß er da und ließ sich die Spucke aus dem Mundwinkel laufen. 

Als ich ihn das erste Mal Spucki nannte, kam es mir so vor, als ob er leicht und kaum erkennbar dabei lächelte. Gewundert hätte es mich nicht. Ich kannte seinen Humor und wenn ich mir nicht recht sicher gewesen wäre, dass er seinem Spitznamen etwas hätte abgewinnen können, wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen ihn so zu nennen.

So aber war ich mit mir im Reinen ihn so zu nennen und stellte dies auch nicht in Frage. Er war eben durch seinen Schlaganfall zu Spucki geworden. Onkel Ernst, schien sich davon gemacht zu haben. Spucki hatte nur noch äußerlich etwas mit ihm zu tun.

Eines Tages, als wir ihn alle besuchten, wurde er gerade von einer der Krankenschwestern versorgt. Sie gab ihm wohl irgendein Medikament in flüssiger Form, dass sie auf einen Löffel getropft hatte.

In seinem Gesichtsausdruck lag ein erkennbares Lächeln.

“Ach schau mal, wie der Onkel sich freut, dass wir alle da sind”, sagte meine Mutter. Die anderen pflichteten ihr bei und schienen auch daran zu glauben. 

Ich aber konnte sehen, wie Spucki dem Mädchen durch ihren Ärmel hindurch in Richtung ihrer Brust sah. Er musste dort wohl mehr als nur den nackten Oberarm gesehen haben und ich bin mir sicher, dass dies der Grund für sein Lächeln war. Ich hoffte nur, dass es die Schwester nicht bemerken würde und er es sich dadurch mit ihr verscherzte. Ansonsten gönnte ich ihm seine Freude.

In den darauf folgenden Wochen konnte ich die Szene des öfteren beobachten. Meist war ich alleine bei ihm und wenn ich mir sicher war, dass die Schwester es nicht sah, blinzelte ich ihm verschwörerisch zu. Dann wurde sein Lächeln noch einen Spalt breiter. 

Irgendwie schien er das wirklich Wichtige doch noch mit zu bekommen.

Als ich eines Tages im Aufenthaltsraum des Krankenhauses saß, in einem abgetrennten Bereich in dem das Rauchen erlaubt war, gesellte sich auf einmal Spuckies Schwester zu mir und rauchte auch eine Zigarette. 

“Nur dass das klar ist, ich zeige nicht allen Patienten die ich betreue meinen Busen. Im Grunde mache ich dies sogar nur bei Ihrem Onkel.”

“Aber warum ausgerechnet bei Spucki?” fragte ich sie.

Sie musste lachen. Zuvor hatte ich noch niemandem davon erzählt, dass ich ihn so nannte und tat dies in dem Moment auch eher, weil mich ihre Aussage überrascht hatte und ich darüber vergaß seinen wirklichen Namen zu benutzen.

“Spucki passt schon. Ich bin mir sicher, dass es ihm gefallen würde.”

“Ich denke er versteht dass. Ähnlich wie er auch zu verstehen scheint, was Sie für ihn tun. Zumindest sind dies die einzigen Momente in denen ich eine Regung an ihm erkennen kann. Aber verzeihen Sie mir die Frage, warum tun sie das für ihn?”

“Weil ich ihn irgendwie mag. Ich kenne ihn zwar nur in diesem Zustand, aber er liegt mir am Herzen. Ich glaube ich hätte ihn gemocht, so wie er war.”

Obwohl ich mich zum ersten Mal mit ihr unterhielt und sie, außer vom sehen nicht kannte, war ich mir recht sicher, dass dem so gewesen wäre. Sie war der Typ von Frau, die bestimmt einen Bezug zu ihm gefunden hätte. Und er auch zu ihr. Ganz unabhängig, ob er ihren Busen hätte sehen dürfen oder nicht. Sie war einfach genau sein Typ. Um dies zu wissen, kannte ich ihn gut genug.

“Aber wie vermeiden Sie, dass die anderen Patienten auch einen Blick erhaschen?”

“Ich ziehe meinen BH wieder an, bevor ich meine Runde fortführe. Außerdem mache ich das ja nicht jeden Tag. Das wäre mir zu stressig. Nur alle paar Wochen mal, wenn ich dazu komme und daran denke. Dann tue ich ihm den Gefallen und ziehe ihn aus, bevor ich zu ihm ins Zimmer gehe.”

Ich war vollkommen baff. Die meisten Menschen geben sich immer einen Anschein von Seriosität und vergessen dabei, dass ihre Handlungen eher dem entsprechen, was man bei einem Kind als braves Verhalten betrachten würde. 

Mich persönlich aber interessiert die friedfertigkeit eines Unbewaffneten nicht sonderlich. Oder anders ausgedrückt, es ist kein besonderes Vermögen die Höchstgeschwindigkeit einzuhalten, wenn der eigene Wagen sowieso nicht in der Lage wäre, diese zu überschreiten. 

Sie aber war von anderer Natur. Ein Mensch, der seine Handlungen auf seinen ureigenen Entscheidungen und Ansichten aufbaut. Ich zog meinen Hut vor ihr. Der Onkel hatte wirklich schon immer ein gutes Gespür für tolle Frauen. Das musste man ihm neidlos lassen. Und auch wenn er es nicht vermocht hatte, eine längerfristig an sich zu binden, war mir doch jede einzelne von Ihnen, die ich kennen gelernt hatte, wesentlich lieber, als die Partnerinnen die der Rest der Familie so anschleppte.

Ich sah sie daraufhin vielleicht nicht mit anderen Augen, positiv aufgefallen war sie mir schon vorher, aber ich freute mich jedes Mal wenn ich sie traf, obwohl wir uns in der Regel nur kurz zu nickten, sie dann ihren Job tat und wieder ging.

Eines Tages sah Spucki zuerst mich an und schielte dann zu ihr herüber als sie ihn wusch. Diese Regung musste ihn viel Kraft gekostet haben. Das konnte man ihm ansehen. Und ich verstand auch sofort was er meinte und dass er richtig damit lag. 

Ich fasste mir also an diesem Tag ein Herz und lud sie auf einen Kaffee ein. Wir sind dann auch nahtlos zusammen gekommen. Schon am ersten Tag hatte ich mit ihr geschlafen und es war eines der erfüllendsten sexuellen Erlebnisse die ich je hatte. 

Ich erzählte Onkel Ernst davon, als ich ihn das nächste mal sah. Spucki wollte ich ihn nun nicht mehr nennen, da er schließlich bewiesen hatte, dass es ihn da drinnen noch irgendwo gab. Und ich war regelrecht erschrocken, als ich merkte, wie er versuchte nach meiner Hand zu greifen. 

Am nächsten Tag dann war er von uns gegangen. 

“Er hatte ein Lächeln auf seinem Gesicht, als ich ihn morgens wecken wollte und bemerkte, dass er tot war”, sagte mir Sabine.

Ich bin heute noch mit ihr zusammen und jeden Tag, selbst dann wenn wir uns auf die Nerven gehen, was selbst in der besten Beziehung nicht immer ausbleibt, muss ich an den Onkel denken und daran, dass Sabine sozusagen sein Abschiedsgeschenk an mich war. 

Geld oder andere Besitztümer konnte er mir nicht hinterlassen, aber es wäre sowieso vermessen, zu denken, dass irgendein Betrag seine Vermittlung hätte aufwiegen können.

Als meine Eltern starben, hinterließen sie mir ein kleines Vermögen. Mein Vater war erfolgreicher Jurist gewesen und war an einer renommierten Kanzlei beteiligt. 

Doch ich hätte dieses Geld jederzeit und unter allen Umständen mit einem lächeln gegen Sabine eingetauscht. 

Denn so nützlich Geld auch sein kann, am Ende zählen andere Dinge weit mehr im Leben. Allem voran die Liebe, dicht gefolgt von anderen Erfahrungen die es wert sind gemacht zu werden.

Und diesbezüglich war Onkel Ernst der vermögendste Mensch, der mir in meinem Leben begegnet ist. Und eines ist klar. Er hatte Geschmack wie kein Zweiter, denn Sabines Brüste sind wirkliche eine Offenbarung. 

Ich muss oft daran denken wie er nach ihnen schielte, wenn ich in den Genuß ihrer wundervollen Erhebungen komme. Und hin und wieder sage ich ihr das auch, worüber sie sich sichtlich freut.

Was bist Du denn für Einer?

Ich sitze in einem Kaffee irgendwo in Berlin. Maybachufer. Ist, glaube ich, Kreuzberg. Kann aber auch sein, dass es was anderes ist. Neukölln? Wedding ist es nicht. Da komme ich her. Das ist woanders.

Auf dem kleinen Tisch an dem ich im Außenbereich sitze steht mein Kaffee und mein Tabak liegt auch dort. Ebenso ein Aschenbecher und das Buch, dass ich gerade lese. 

Der bescheuerte Tisch wackelt wie Hechtsuppe. Obwohl; ich glaube es zieht wie Hechtsuppe. Wie wackelt es dann? Wie Sau? Aber warum sollte ein Schwein wackeln? Vielleicht vor Angst wenn es zum letzten Gang geht und es den Schlachter sehen kann, der schon die Messer wetzt. 

Aber ist auch egal. ich sitze da, sehe zum Kanal hinüber und träume vor mich hin.

Wenn man irgendwo sitzt und vor sich hin träumt, dann sieht man irgendwie durch alles hindurch. So als sei die ganze Welt um einen herum nur ein leichter, durchsichtiger Vorhang, der einen nicht berührt. Egal was dann um einen herum passiert, alles verschwindet hinter diesem Vorhang. Auch wenn es direkt vor den eigenen Augen stattfindet.

Warum ist nur allen so wichtig, ob das eine Kreuzberg ist und das andere der Wedding, oder Mitte, oder was auch immer? Sind doch alles bloß Orte. Der Eine hier, der andere da. Aber Menschen suchen immer so etwas wie Heimat. Einen besonderen Ort, an dem sie mehr sie sind, als sonst wo. Und jeder findet seine Heimat ist die Beste. Ist mir egal. Ich bin dort zuhause, wo ich gerade bin, oder nirgendwo. Oder vielleicht dazwischen. Aber egal wo ich bin, bin ich immer ich. Kein Anderer. Weder besser noch schlechter. Die Leute mit ihren Befindlichkeiten. So wirklich verstanden habe ich sie noch nie.

“Na, was bist Du denn für einer?”

Was ist was? Ich verstehe anfangs nur Bahnhof. Wieder so ein Ding mit dem Träumen. Es geschieht etwas direkt vor mir und irgendwie auch wieder nicht. Schon eigenartig.

Doch sie steht dort direkt vor mir. Ich kann sie deutlich sehen. Auch scheint sie mich zu meinen. Sonst ist niemand da. Vielleicht hat sie aber auch nur nicht mehr alle Tassen im Schrank. Soll es auch geben. Ich beschließe, dass es erst einmal besser ist weiter zu träumen. Zumindest solange bis ich begreife was sie von mir will.

“Wer Du bist? Und was Du machst, meine ich? Sag mal, bist Du bekifft? Ich steh doch direkt vor Dir? HALLO”

O.k. Sie scheint wirklich mich zu meinen. Oder ihr Sockenschuß ist noch größer als gedacht. Wäre nicht das erste Mal, dass ich das erlebe. Ist aber die letzten Jahre anders geworden. Berlin hat sich verändert. Ist kaum wieder zu erkennen. Früher hatte hier jeder einen Knall. Oft sogar einen ziemlich beachtlichen. Kaum eine U-Bahn fahrt verging, ohne dass irgendetwas vollkommen bizarres geschah. Irgendein halbnackter und total verdreckter Typ, der erfundene Opern zum Besten gab und mit einer Socke in der Hand herum ging, anstelle eines Hutes. 

Und solche Dinge waren noch ziemlich gewöhnlich. Mit der Zeit nahm man sie überhaupt nicht mehr wahr. 

Eine der besten Geschehnisse  die ich erlebt hatte war, als eine uralte, gebückte Frau von so einem Fahrkartenheini auf Ihr Billet angesprochen wurde und sie nur ein lautes und mürrisches “Verpiss Dir”, von sich gab. Der ganze Rest des Wagons brach in schallendes Gelächter aus und die arme Kontrollettinase musste sich eine ganze Weile gedulden, bis er endlich an der nächsten Haltestelle flüchten konnte.

Hätte er die Alte auch nur schräg angesehen, oder gar irgendwelche Mätzchen gemacht, der gesamte Wagen wäre über ihn hergefallen und hätte ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt. Einfach so. Ohne Schläger Ambitionen zu haben, oder sonst was. Sogar der eine Typ im edlen Zwirn hätte da mitgemacht. Damals war vieles noch anders.

Aber heute?

“Was Du machst Mann? Sag mal siehst Du mich nicht?!”

Was will die denn von mir? Kenne ich die? Ich sehe sie genauer an. Sie trägt irgendwelche Sachen, die überhaupt nicht zusammen passen. Gummistiefel, darüber ein gepunkteter Rock und eine Jacke, die so pink ist, dass mir die Augen davon brennen.

Ich scanne sie von oben nach unten. 

“Was willst Du von mir?”

“Was ist das denn für eine Frage? Ich hab doch klar gefragt. Kennst Du meine Sprache nicht?”

Komisch. Ich habe doch ihre Sprache benutzt. Wie sollte ich sie dann nicht kennen? Ich lege den Kopf etwas schief wie ein Hund der sich fragt, was da vor ihm gerade wohl geschehen sein mag.

“Sag mal, bist Du immer so arrogant, dass Du nicht auf eine Frage antwortest die man Dir stellt?”

“Nö, nur zu blöde. Sorry, ist der Klebstoff. Ich sollte wohl weniger dran schnüffeln.”

Sie sieht aus als ob der Blitz neben ihr eingeschlagen hätte. Sie holt tief Luft um loszulegen. Dann scheint sie einen Moment zu überlegen und schnauft dann laut wieder aus, ohne etwas zu sagen. Sie sieht nach rechts und links, will wieder etwas sagen und bricht wieder ab.

“Ach was solls, dann Scheiß doch drauf!”

Mit einer Mischung aus Entrüstung und Enttäuschung stampft sie ab. 

Was war das denn gerade? Und was wollte die von mir? Ich habe nicht die geringste Ahnung und ziehe wieder den Vorhang zu. Es dauert keine zwei Minuten bis sie vor mir steht.

“Sag mal, hab ich Dir irgendwas getan? Ich hab Dich doch nur freundlich was gefragt. Was war denn da jetzt so schlimm dran?”

“Ich hab Dir doch geantwortet.”

Es ist wieder das gleiche Spiel wie zuvor. Sie holt Luft, will loslegen, bricht dann ab, holt wieder Luft und stampft ab. 

Und ich ziehe erneut meinen Vorhang vor. Diesmal dauert es jedoch nur etwa eine Minute bis sie in meine Träume hinein platzt. 

“Echt jetzt? Das Du Klebstoff schnüffelst? Und das soll ich Dir abnehmen? Du hast mich doch nur verarscht.”

“Wie kommst du darauf?”

“Na weil doch kein Mensch der so einen Scheiß macht wie Klebstoff schnüffeln so wie Du in einem Kaffee sitzt, vor sich hin träumt und ein Buch vor sich da liegen hat. Und ganz bestimmt nicht so eins.”

“Du scheinst ja viele Leute zu kennen die Klebstoff schnüffeln, wenn Du so genau weisst, was die so treiben. Vielleicht bin ich ja eine Ausnahme.”

“Eine Ausnahme, klar doch. Ein Typ der in einem Kaffee sitzt und die Kritik der reinen Vernunft vor sich liegen hat und dazu noch ein Jacket trägt, schnüffelt Klebstoff und bezeichnet sich als dumm. Dann wärst Du wirklich eine Ausnahme. Und was für eine. Und das kann ich Dir sagen, obwohl ich noch nie einen getroffen habe, der sich so eine Scheisse in die Nase zieht.”

Ich nehme eine Packung Uhu Kleber aus meiner Tasche und lege sie wortlos vor mir auf den Tisch.

Nun macht sie ein Gesicht als hätte sie nicht einen, sondern alle Blitze die jemals auf die Erde herunter gegangen sind, auf einmal gesehen.

Sie öffnet ihren Mund und schließt ihn wieder. Und öffnet und schließt und öffnet und lässt ihn eine ganze Weile offen stehen. Dann schließt sie ihn und lässt sich neben mich auf einen Stuhl fallen. 

“Ach du heiliges Kanonenrohr. Du schnüffelst wirklich Klebstoff! Ich dachte das sei voll gefährlich.”

“Zumindest macht es ziemlich dumm.”

“Aber warum machst Du es denn dann. Ist der Turn sooo gut?”

“Ne, fühlt sich ziemlich mies an.”

“Aber warum machst Du es dann?”

“Na weil es dumm macht, hab ich doch schon gesagt.”

“Du schnüffelst Klebstoff damit es Dich dumm macht? Warum tust Du denn sowas.”

“Damit ich die dummen Fragen ertrage, die mir so gestellt werden.”

Plötzlich ist sie ganz schnell im Kopf.

“Was bist Du denn für ein Arschloch? Ich hab Dir doch gar nichts getan. Echt jetzt mal. Ich bin doch voll freundlich zu Dir gewesen. Oh Mann, dass ist voll Scheisse von Dir.”

Sie steht auf, lässt traurig ihre Arme hängen und geht enttäuscht weg, ohne weiter etwas zu sagen.

Ich gehe an die Bar und hole ihr einen frischen Minztee und stelle ihn auf den Tisch. 

Nach einigen Minuten ist sie wieder da. Sie hat Tränen in den Augen. 

“Kannst Du mir bitte mal sagen, was diese Scheisse sollte? Hab ich Dir irgendwas getan?”

“Hier ist Dein Tee”

“MEIN WAS???”

“Dein Tee. Ich hoffe Nanaminze ist o.k. Den trinke ich am liebsten. Ich kann Dir aber auch einen anderen holen wenn Du magst.”

Sie trinkt ihren Tee und wir schweigen eine ganze Weile. Dann dreht sie sich um und sieht mir, immer noch mit Tränen in den Augen in Meine. 

“Aber warum?”

“Weil es keine andere Möglichkeit gab.”

Sie sieht mich fragend an, stellt aber keine. 

“Wenn ich Dich hier jetzt so sitzen sehe, Deine Augen tränen feucht, aber Dein Blick offen und klar. Nicht belegt von irgendwelchen verdeckten Vorhängen hinter denen Du verborgen bleibst, dann kann ich sehen was für ein wundervoller Mensch Du bist. Obwohl ich Deine Träume nicht kenne, kann ich doch ganz klar erkennen, dass Du welche hast. Und ich meine nicht diesen Unsinn den man herunter betet wenn man danach gefragt wird, oder den man sich zurecht legt um einem Zeitgeist zu entsprechen. Nein, ich meine Deine echten Träume. Die sich nicht in Worte fassen lassen, sondern wie eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas sind. 

Hätte ich mich auf Deine Art eingelassen, hättest Du mir das nicht zeigen können. Wir hätten irgendeinen belanglosen Unsinn erzählt und dann wären wir wieder unserer Wege gegangen, ohne uns je wirklich begegnet zu sein. Ich hätte Dich nicht zu Gesicht bekommen. Nur Deine Maske und Du hättest nur Meine wahrnehmen können. Das wollte ich uns Beiden ersparen und ich finde dass es das wert war.”

Nun fließen ihr wieder frische Tränen aus ihren Augen, nur dass sie diesmal lächelt. Ein Lächeln dass so rein und herzergreifend unverstellt ist, dass auch mir die Tränen kommen. So sitzen wir schweigend da, sehen uns an, lächeln verträumt und weinen. 

Ist mir doch egal ob das hier scheiß Kreuzberg oder der Arsch von irgendeiner anderen Scheiße ist. Was wirklich zählt ist das es ist. Hier, jetzt und in diesem Moment. 

Wozu doch so eine Packung Klebstoff gut sein kann, die man zufällig einstecken hat. Aber ist es nicht gerade so, dass Klebstoff dazu angedacht ist Dinge zu verbinden?

Von der Leichtigkeit der Liebe

Man wird der Liebe nicht gerecht, indem man hinter hier her jagt. Vielmehr läuft man Gefahr, sie auf diese Weise zu verscheuchen. Denn sie ist wie ein scheuer Vogel, der sich nur dort länger nieder lässt, wo er sich sicher fühlen kann.

Auch bedeutet Liebe eben nicht sich aufzuopfern. Dies ist ein weit verbreiteter Irrtum. Ebenso wie sie keinem aufgesetzt altruistischen Gehabe bedarf. Nein, im Grunde macht sie es einem sogar ziemlich leicht. Es reicht sich zu lieben um den Schlüssel in die Herzen Anderer zu finden.

Doch obwohl dies auf der einen Seite eine so simple Angelegenheit ist, tut man sich doch im Allgemeinen recht schwer damit, den Blick darauf nicht zu verstellen. Mit all den Annahmen, die den Eindruck machen können, es bedürfe einer regelrechten Kunstfertigkeit um mit der Liebe Du auf Du zu sein. Milan Kundera hat diesem Umstand eine seine Geschichten gewidmet und spricht innerhalb Dieser, von der unerträglichen Leichtigkeit des Seins.

Eigenartigerweise scheint es mir nämlich genau darauf hinaus zu laufen. Das das Sein wie ein Tanz ist. Etwas, daß man geschehen lassen muss, ohne weiter darüber nachzudenken und dem man nur gerecht werden kann, wenn man es nicht zu bestimmen versucht.

Die Buddhisten sind auf einen ähnlichen Schluß gekommen. Sie sagen, dass man sich von seiner Erwartungshaltung befreien solle und dass gerade darin der Grund aller Übel läge.

Ich habe dies lange falsch verstanden als etwas, das eine Selbstlosigkeit erfordert die gewisse fatalistische Züge aufweist. Ich stellte mir dann die Frage, wohin dies führen müsse und dachte, das Ziel solcher Herangehensweisen würde nur denjenigen Nutzen, die Andere zu ihrem Vorteil missbrauchen. Den Führern im großen und kleinen, die nur allzu oft keine besonnenen Lenker, sondern vielmehr eigennützige Verführer sind. Lediglich auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Doch dies stellt einen Irrtum da. Frei von Erwartungen zu sein bedeutet eben nicht, alles um einen herum einfach so anzunehmen wie es ist. Sondern sich davor zu hüten, in gewisse aufgedrängte Automatismen zu geraten.

“Ich habe gerade dies und das für jene Person gemacht, also steht mir doch zu, dass …”

Mit dieser art zu denken sind die meisten von uns groß geworden. Und auch die moderne, aufgeklärt wissenschaftliche Sichtweise scheint dies zu bestätigen, indem sie das Prinzip von Ursache und Wirkung benennt; den kausalen Zusammenhang. Und obwohl es natürlich so ist, dass das Glas, welches mir aus der Hand gleitet niemals zur Decke fallen wird, darf man nicht den Fehler begehen, hier scheinbar Eins und Eins zusammen zählen zu wollen. Denn diese Sichtweise scheitert daran, das die Kausalität der Liebe nicht unmittelbar zum tragen kommt, sondern oft verschlungenere Wege weg um ihr Ziel zu erreichen.

Ich habe sehr lange gebraucht dies zu begreifen. Und der Weg zu dieser Einsicht war gespickt mir großen Enttäuschungen und Resignationen. Was ist das denn für eine Welt, die sich in einem so wichtigen Punkt nicht an ihre eigenen Spielregeln hält, fragte ich mich oft, ohne eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu erhalten. Die einzig logische Schlussfolgerung die sich mir offenbarte war, dass diese Welt eben nur ein schlechter Ort sein könne und der Mensch die Krönung dessen sei.

Dieser Gedanke verselbstständigte sich immer mehr über die Zeit und ebenso wie man eine Meisterlichkeit dadurch erlangt, dass man eine Sache lange und internsiv betreibt, wurde ich, ohne das es mir bewußt wurde, immer mehr zu einem Meister des Schlechten. Mein Blick war geschärft für die Diskrepanzen die sich um mich ergaben und obwohl ich mir Diese nicht erdachte, sondern etwas sah, dass es gab, verlor ich den Blick auf die Dinge, die frei von hinterlistigem Verstellen sind.

Manchmal erscheint es mir, als sei die Welt wie ein Spiegel. Immer bereit dem Betrachter das Bild zu bieten, das er erwartet. Du präferierst das Schlechte, also wird diese Welt auch düster sein. Je mehr sich jedoch der Blick entspannt und die schönen Dinge Einzug halten läßt, desto mehr klart sich die Projektion auf und gibt den Blick auf einen ganz anderen Aspekt des selben Bildes frei.

Mir war schon immer die sentimentale Sichtweise der Gefühlsduseligkeit zuwider. Wie sie uns in aufgesetzter Schönheit begegnet und sich zum Beispiel Schlager oder Mode nennt. Das konnte doch kein Ziel sein, dem man guten Gewissens folgen konnte. Indem man einfach alles ausblendete, dass einem nicht ins zuckersüße Glücksversprechen passte. Dies war mir einer der Belege dafür, dass ich recht hatte mit meiner Annahme, dass die Welt dort draußen von ihrem Wesen her nur schlecht sein könne. Wenn so die Alternative aussehen würde, ein lieber Gott mit Rauschebart und Engel die ihm um die Nase fliegen, eine schöne Maid die weder stinken noch genervt sein kann, dann wollte ich nichts mit diesem vermeintlich Guten zu tun haben, da mir zu jeder Zeit bewusst war, dass diese form von Schönheit eine trügerische sein müsse. Und damit lag ich auch nicht falsch.

Also, lass den Vogel in Dir fliegen. Vertrau drauf wohin er Dich führt. Und versuche nicht ihn zu lenken. Du nimmst ihm nur die Leichtigkeit welche er für seinen Flug bedarf. Dann wird die Liebe tief in Deinem Herzen sein und Dich auch immer umspülen, was immer auch die schwere Welt Dir auf Deine Schultern legen mag.

Der Stab der Harmonie

Es ist nun in etwa 10 Jahre her, dass es als das erkannt wurde, was es war. Gefunden wurde es schon Jahrzehnte zuvor. Aber was man über Jahre hinweg für ein Überbleibsel einer untergegangenen Kultur gehalten hatte, entpuppte sich erst Jahre später. Als Artefakt einer außerirdischen Kultur. 

Im Anschluss vergingen wiederum Jahre die es brauchte herauszufinden wozu dieses Ding nütze sein könne. 

Es handelte sich dabei um eine art von Stab. Circa 40 Zentimeter hoch. An seinem einen Ende lief es auseinander und wurde breiter, die andere Seite war von einer art Kugel abgeschlossen. So ließ sich dieses Konstrukt aufstellen und wirkte dann wie ein Ausstellungsgegenstand den man auf einer festen Ebene, wie zum Beispiel einem Tisch, aufstellen konnte.

Vom Material her war es metallisch, etwas dumpf glänzend. Es bestand jedoch aus einem Material das auf der Erde nicht vorkam. Er war sehr stabil. So sehr, dass es niemandem gelang auch nur die kleinsten Teile von ihm abzutragen um es analysieren zu können. Es entzog sich jedem erdenklichen Eingriff. Keine Säure konnte ihm etwas anhaben. Es war unempfindlich gegenüber Hitze und Druck. Kein bekannter Stoff war in der Lage in es hinein zu dringen.

Auf einer Seite des Stabes waren Zeichen eingraviert die an eine Schrift erinnerten. Die damit beauftragten Linguisten brauchten Jahre damit diese zu entziffern. Und als es schließlich gelang, konnten sie sehen, dass es sich dabei um eine art Bedienungsanleitung handelte. 

“Dieses Objekt ist, richtig angewendet, in der Lage scheinbar unvereinbare Positionen zusammen zu führen. Es ist dazu angedacht Parteien zu Einen und Gräben zu überwinden.”

Mehr Details waren der Schrift nicht zu entnehmen. 

Dieser Schriftzug war es dann auch, der die Forscher auf den Gedanken brachte, dass es sich bei dem Objekt um mehr als nur ein Symbol handeln könnte. Doch so sehr man auch versuchte es zu aktivieren und in Gang zu setzen, so sehr entzog es sich doch dem Versuch der Einflussnahme. 

Dabei gaben sie sich die größte Mühe und ließen nichts unversucht. Aber kein Bemühen führte zu irgendeinem erkennbaren Erfolg. Es entstanden die verschiedensten Spekulationen wie dem Rätsel beizukommen sei. Man suchte Druckpunkte, setzte das Objekt verschiedenster Strahlung aus, versuchte es mit Schall und verschiedenen Temperaturen. Aber nichts davon führte zu irgendeinem Erfolg. Es blieb nur immer da, regungslos und so, als handele es sich bei dem Objekt nur um eine symbolische Figur, ähnlich dem Kreuzsymbol der Christen.

Man unternahm auch den Versuch das Objekt sich streitenden Parteien auszusetzen. Aber nichts führte zu irgendetwas.

Also blieb den Menschen nichts anderes übrig als es als das anzunehmen dass es für sie war. Eine Skulptur mit rein symbolischem Wert. 

Dabei hätten sie es dringend brauchen können. Ein Hilfsmittel um sie zusammenzuführen und ihre ständigen Kämpfe gegeneinander zu unterbinden die, immer klarer erkennbar, ihre Existenz gefährdeten.

Das tragische an der Sache jedoch war. Dass sich auf dem Objekt eine sehr genaue Anleitung befand, wie es zu bedienen war. Nur hatten die Erschaffer eine Technik genutzt diese Information zu vermitteln, die den Menschen völlig unbekannt war.

Denn die Anleitung war in einer art von mehrdimensionalem Text angebracht. Dabei erstreckte sich die Dimensionalität jedoch nicht, wie wir das kennen, auf verschiedene Ebenen, sondern sie wurden vielmehr alle in einer einzigen Dimension dargestellt. Das jedoch etwas das in mehreren Dimensionen stattfand auf eine Einzige zu reduziert war, war dem Menschen unbekannt und so konnte er nur die Überschrift des Objektes entziffern, welches in Wahrheit lediglich die Erste mehrerer Ebenen darstellte, so wie der Deckel eines Buches dies nur umhüllt.

“Der Stab der Harmonie führt, sich scheinbar ausschließende Positionen, zusammen. Er ist in seinem Grundzustand aktiv und reagiert automatisch, wenn die beteiligten Parteien dies wirklich wünschen. Hierfür ist es Grundbedingung, dass jede der Parteien auf ihre Sichtweise verzichtet. Der Nutzen wird augenblicklich zu Nichte gemacht, wenn auch nur eine der Parteien versucht, einen persönlichen Vorteil aus der Vermittlung zu ziehen, der der anderen Partei zu einem Nachteil gereicht. Die Vermittlung kann nur angenommen, jedoch nicht herbeigeführt werden. Jede Form von Einflussnahme verhindert den Prozess. Wer dies beherzigt erfährt tiefe Harmonie. Er geht ein, in einen höheren Bewußtseinszustand der frei von Neid, Haß, Unterdrückung, Gewalt, Degeneration, Schmerz und Verheißung ist. 

Für jeden jedoch der dies nicht tut, bleibt dieses Objekt reiner Gegenstand, frei von jedem weiteren Nutzen. Denn der Stab der Harmonie selbst wirkt nicht, sondern er ermöglicht lediglich Wirkung.”


Sonny

“Hey Andi, das ist ja ein Zufall Dich mal wieder zu sehen”, riss es mich aus meinen Gedanken. Ich nahm etwas verwirrt den Kopfhörer aus meinen Ohren. Eine alte Bekannte hatte mich aus meiner Welt gerissen und im nächsten Moment sah ich sie. Sonny.

Obwohl ich sie das letzte Mal gesehen hatte als sie ein Baby war erkannte ich sie sofort. Sie hielt die Hand ihrer Mutter. In ihrem anderen Händchen ein Stofftier und wirkte etwas verloren wie sie da stand. Ganz so wie es kleine Kinder eben sind, wenn sie nicht wirklich wissen was sie gerade tun sollen und was als nächsten folgen wird.

“Wie geht es Dir”, fragte mich Ihre Mutter und lächelte mich an. Ich fand nur schwer zu einer Antwort. 

Sonny. Da stand sie plötzlich nach all den Jahren unvermittelt vor mir. 

Ich hatte zu der Zeit mit meiner damaligen Lebensgefährtin und einer langjährigen Freundin von Ihr zusammen gewohnt und Sonny war Ihr Kind, das ich fast vom ersten Augenblick auf dem sie auf der Welt war kannte. Und warum auch immer, vom ersten Tag an, hatten sie eine tiefe Verbindung zu mir gefunden. Sie wollte immer auf meinem Arm sein, auch wenn ihre Mutter gegenwärtig war und diese engen Verbindung, die bei solch kleinen Kindern zumeist nur zu Frauen besteht, hatte sie komischerweise zu mir aufgebaut. Damals wusste ich noch nicht woran das lag. Nur das dies etwas außergewöhnlich war.

Ich hatte sie dann bald aus den Augen verloren da Ihre Mutter wegzog und traf sie einige Zeit später wieder, musste jedoch feststellen, dass diese tiefe Verbindung keinen  Bestand mehr hatte. Sie schien mich gar nicht mehr zu erkennen. 

Und nun stand dieser kleine Mensch, erkennbar größer aber noch nicht wirklich groß geworden vor mir und hielt, wie schon gesagt, etwas verloren die Hand ihrer Mutter.

“Hey Sonny, kennst Du den noch?”, fragte sie ihre Tochter. “Du wolltest als Du ein Baby warst immer nur bei ihm sein. Kannst Du Dich erinnern?”

Die Kleine wusste offensichtlich nicht wovon die Rede war und sah Ihre Mutter fragend und etwas verunsichert an. Mir war die ganze Sache unangenehm. 

Ich konnte es schon als Kind nicht leiden in diese Welt der Erwachsenen hineingezogen zu werden. Die Dinge nur begreifen können, wenn es ihnen gelingt sie zu benennen und für die alles fremd ist das sich ihren Kategorien verweigert. Das habe auch immer an Kindern geschätzt. Zumindest so lange sich diese dem schädlichen Einfluss der Welt, zu entziehen vermögen. Die Einen für Monate, die anderen für Jahre, bis die Welt sie dann ihrem Selbst entreißt und sie in den Formen die man für sie vorsieht zerbricht.

Sonny schien mich nicht mehr zu kennen und das war auch o.k. so für mich. Wir hatten unsere Zeit und wenig widert mich mehr an, als solch einem noch unbefleckten Lebewesen meine Wünsche aufzuzwingen. Gerade weil man ihm damit sein Eigentliches austreibt. Ich bin nicht der der die Menschen in Form presst und lege Wert darauf dass man mich mit dieser Scheisse gefälligst in Ruhe lässt.

Das war auch der Grund warum ich es eher als nervig empfand ihre Mutter wieder zu sehen. Sie hatte ihr eigentliches Ich schon vor langer Zeit verloren. Es war zwar noch da, blieb aber tief in ihr vergraben unter dem Unrat dessen was man als Formwesen so über die Zeit ansammelt.

Ich freute mich Sonny wieder zu sehen. Aber diese konnte offensichtlich nichts mehr mit mir anfangen und anscheinend befand sich die Arme auch schon in der Phase der Pressung. Doch das wollte ich nicht sehen. Gerade wollte ich nur noch raus aus dieser beschissenen Situation. 

Also gab ich einen Grund vor und ging weiter. Als ich ein paar Schritte weiter war, die Musik schon wieder in meinen Ohren merkte ich wie etwas an meinen Hosen zog. Ich drehte mich um und sah dass es Sonny war, die da zog. Sie sah mich an. Ihre Augen waren plötzlich offen und ich konnte sehen, dass sie mich doch erkannt hatte. Sie griff nach meiner Hand und sah mich weiter an. Für ein paar Sekunden standen wir so da. Auge in Auge und tauschten uns aus, ohne dabei ein Wort wechseln zu müssen.

Nach einer Weile hörte ich ihre Mutter etwas verlegen lachend rufen: “Hey Sonny, komm wir müssen weiter.” Ich sah zu ihr herüber und sie blickte mich etwas entschuldigend an. Das Ich in ihr lag leider wirklich tief begraben. So tief, dass sie jede Intuition für den Moment verloren hatte. Wofür hätte sie sich sonst entschuldigen sollen? Das Sonny gerade hier stand und meine Hand hielt? Dafür das ihre kleine Tochter mir gerade einen der kleinen, aber umso wertvollen Momente die das Leben erst ausmachen, schenkte?

Doch so sehr sie auch rief, Sonny machte keine Anstalten ihrem Drängen Folge zu leisten. Sie stand nur da, hielt meine Hand und es war so, als sei zwischen dem Moment indem sie das Baby auf meinem Arm gewesen war und diesem hier kein Augenblick vergangen wäre. Aber ich wusste das sie würde loslassen müssen. Ob sie dass nun wollte oder nicht. Nicht weil ich das zu entscheiden hätte. Von mir aus hätte sie nie wieder loslassen müssen. Ich hätte sie ohne zu zögern mitgenommen und sie so lange begleitet wie es benötigt hätte. Ohne auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden, mir Gedanken darum zu machen was wohl sein würde. Denn ich weiß, dass das Sein so nicht funktioniert. Man kann sich den Moment nicht erhalten indem man ihn einfriert. Denn der gefrorene Moment, auch wenn er dem was man sich da erhalten will äußerlich noch sehr entsprechen mag, er wird immer nur das gefrorene Abbild dieses Moments und nie er selbst sein.

Ich beugte mich zu ihr herunter, sah ihr in die Augen und sprach sie an:

“Hey Süße, ich weiss dass Du das nicht willst, aber Du wirst leider loslassen müssen.”

“Aber ich will nicht.”

“Ich weiss, aber so funktioniert es leider nicht”

“Warum?”

“Weil Du die falsche Hand hältst.”

“Was bedeutet dass, ich halte die falsche Hand. Willst Du nicht das ich sie halte?”

“Mein Schatz, es gibt nichts was ich gerade lieber wollen würde, aber es geht hier nicht um mich.”

“Aber um wen geht es dann?” Sie sah sich nach ihrer Mutter um und in ihrem Blick lag ein Ausdruck, als überprüfe sie in diesem Moment, ob die von ihr geliebte Mutter nicht in Wahrheit sogar ihr Feind sein könne.

“Nein Süße, sie ist es nicht. Deine Mamma hat Dich ganz doll lieb. Vor ihr brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Es ist nur so dass Du gerade meine Hand als einen Stellvertreter dessen hältst den Du wirklich halten möchtest.”

“Und wer soll das sein?”

“Das bist Du selbst, Liebe. Dein bester und einzig wirklicher Freund. Derjenige der Dich imme begleiten wird und immer an Deiner Seite ist, egal was auch passiert. Es wird vielleicht Momente geben in denen Du das vergisst, aber glaube mir, dieser Freund wird immer für Dich da sein, solange es Dich geben wird. Und er wird immer nur für Dich so da sein. Solange Du nicht vergisst dass es ihn gibt und das er hier bei Dir ist, wird ihn Dir niemand nehmen können. Und wenn Du das Gefühl hast dass Du ihn verloren hast und Du Dich Einsam fühlst dann erinnere Dich an meine Worte und öffne Dein Herz, denn dies ist das Auge mit dem Du diesen Freund sehen kannst. In jedem Moment Deines Lebens.”

Sie sah mich etwas kritisch an. “Na dann ist ja gut.” Sie ließ eine Hand los und ging zu ihrer Mutter die nur wenige Schritte neben uns stand. “Wir können jetzt gehen”, sagte sie zu ihr nahm ihre Hand und machte sich auf den Weg. Dabei sah sie sich nicht mehr nach mir um. Aber ihre Mutter sah noch einmal zu mir herüber. Wieder mit diesem entschuldigenden Blick. Obwohl sie jedes Wort verstanden hatte, dass ich ihrer Tochter gesagt hatte, hatte sie jedoch, offensichtlich, nichts davon verstanden. Ihr Ich lag wirklich tief vergraben.

Einige Wochen später klingelte mein Telefon. Ich kannte die Nummer nicht, ging aber ran.

“Ich bins, Heike. Sorry dass ich Dich so überfalle. Ich habe Deine Nummer von Kathrin. Ich hoffe es ist o.k. für Dich dass ich Dich anrufe.”

“Klar, was kann ich für Dich tun?”

“Was hast Du getan?”

“Was meinst Du?”

“Ich meine mit Sonny?”

“Was ist denn mit Sonny? Hat sie etwas?” 

“Nein, es geht ihr gut. Aber es ist etwas ganz komisches passiert. Ich weiss, es muss sich jetzt wahrscheinlich ziemlich verrückt für Dich anhören, aber ich habe das Gefühl, dass Du irgendetwas in ihr ausgelöst hast. Seit wir Dich getroffen haben ist sie völlig verändert. Sie war immer sehr ruhig, wenig zugänglich, zeitweise sogar für mich. Ich war schon bei mehreren Therapeuten mit ihr, aber niemand wusste was ihr fehlte oder konnte ihr helfen. Jetzt ist sie plötzlich ein völlig normales Kind. Tollt herum, äußert sich wie es eben Kinder tun und ist irgendwie gar nicht wieder zu erkennen.”

“Schön dass es geklappt hat. Richte ihr bitte aus, dass es mir leid tut.”

“Das es dir leid tut? Was meinst du damit?”

“Richte es ihr einfach aus. Sie wird es verstehen.”

“Das finde ich jetzt gerade aber etwas unheimlich, ehrlich gesagt.”

“Bist Du denn nicht froh darüber wie sie sich entwickelt hat?”

“Klar doch, deswegen habe ich ja angerufen, weil ich mich bei Dir bedanken wollte, aber auch wissen wollte was da geschehen ist”

“Du warst dabei.”

“Ja, stimmt, aber …”

“Es gibt kein aber. Du hast alles was geschehen ist gesehen und konntest alles was ich ihr sagte hören. Also frage ich mich was Du nun von mir wissen willst.”

“Aber Du hast doch irgendetwas mit ihr getan. Sie ist wirklich völlig verändert seit dem. Und was auch komisch ist, sie hat nicht einmal nach Dir gefragt. Sie weiss z.B. dass ich Dich gerade anrufe. Aber, und das ist mir wirklich unangenehm, sie wollte nicht einmal dass ich Dich grüße. Alles ist so ungreifbar. Und jetzt sagst Du auch noch ich solle ihr ausrichten dass es dir leid täte. Das ist schon ganz schön greapy offen gesagt. Was läuft hier?”

“Wie gesagt, Du hast alles gesehen und gehört was geschehen ist. Richte ihr aus was ich dir gesagt habe. Mehr gibt es nicht zu tun. Du kannst ihr auch gerne einen schönen Gruß von mir sagen, aber es wird sie nicht interessieren.”

“Was meinst du denn schon wieder damit? Echt Andi, das macht mir alles gerade ein bisschen Angst. Ich meine, ich bin echt froh dass es jetzt so geht, aber ich verstehe überhaupt nichts mehr.”

“Es geht auch gerade gar nicht um dich. Warum solltest du es dann verstehen. Es gibt gar keinen Grund dafür. Es ergibt schlicht und ergreifend keinen Sinn für dich weil es, wie ich schon sagte nicht um dich geht. Was ich getan habe, hast du mit bekommen. Da war ansonsten nichts.”

Ich konnte an ihrer Stimme erkennen, dass sie ziemlich verunsichert war.

“Na ja, wie auch immer. Vielleicht muss ich es ja wirklich nicht verstehen. Ich werde es ihr ausrichten, auch wenn ich nicht verstehe warum. Danke auf jeden Fall für das was Du getan hast.”

“Ist schon gut, aber du brauchst Dich nicht bei mir zu bedanken. Ich muss jetzt mal mit meinem Zeug weiter machen. Richte es ihr aus und gib ihr einen Kuß von mir. Alles Gute”

“Ja, äh, Dir auch und danke nochmal. Für was auch immer.”

Ihr Ich lag wirklich tief in ihr begraben.

Einige Zeit später, ich hatte die ganze Sache schon fast wieder vergessen rief sie mich erneut an.

“Hey Andi. Ich bins, Heike. Dass ist mir jetzt echt unangenehm und ich möchte Dich nicht nerven. Du hast echt viel für mich getan. Aber hast Du vielleicht gerade einen Moment?”

“Klar. Wie geht es dem Sonnenschein? Strahlt sie?”

“Ja, sie ist weiterhin wie ausgewechselt. Sie war seit ihren frühesten Kindertagen immer so distanziert. Ich hatte den Verdacht, dass sie vielleicht ihren Vater vermisst und deshalb so ist. Aber seit dem wir dich getroffen haben ist es so, als sei nie etwas gewesen. Ich muss immer wieder daran denken. Es geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Und, dass ist mir jetzt echt peinlich danach zu fragen, gerade weil ich auch gar nicht weis was da passiert ist. Aber könntest Du das was du für sie getan hast, vielleicht auch für mich tun? Ich meine dass hört sich jetzt bestimmt total blöde an. Aber du weist ja so ein bisschen wie das mit Robert so lief und wie schräg diese ganze Geschichte auch für mich war. Ich hatte so lange keinen Freund mehr und dann das. Ich bin ja total froh dass Sonny jetzt da ist, aber ansonsten hätte ich gerne auf die Erfahrung verzichtet.”

“Dann würde es aber deine Sonne jetzt nicht geben.”

“Ich weiss, aber ..”

“Hör mal, Heike. Das ist eben so das Ding mit dem Leben. Du weisst nie, was es für dich vorgesehen hat. Alles was dir bleibt ist es so anzunehmen wie es sich Dir gegenüber offenbart und daraus das Beste zu machen. Das geht uns allen so. Unser Problem ist nur, dass wir ständig Vergleiche ziehen. Uns Bilder ausmalen, konkrete Wünsche und Vorstellungen erschaffen und denken, dass wir uns damit einen Gefallen tun würden. Aber so läuft das Leben nun mal nicht. Klar, du hattest es bestimmt nicht immer einfach. Aber dafür hast du Sonny und eines kannst du mir glauben. Ich würde mir ein Loch in den Bauch freuen, wenn sie meine Tochter wäre. 

Weisst Du, was da zwischen mir und Sonny gelaufen ist, stellt sich aus meiner Sicht folgendermaßen dar. 

Du weisst ja noch, dass sie als Säugling ganz verrückt nach mir war. Ich konnte mir das damals selbst nicht erklären und so wirklich habe ich erst begriffen als ich sie wieder sah. Der wahre Grund war wohl der, dass ich sie in diesem Moment wirklich aus ganzem Herzen liebte und dass hat sie gemerkt und dementsprechend reagiert. Mehr war es eigentlich gar nicht. Und damit hat sie mir einen Schlüssel in die Hand gegeben, von dem ich gar nicht wusste dass ich ihn hatte. Und auch ich habe ihr wohl meinen gegeben. In dem Moment den du miterlebt hast, haben wir unsere Schlüssel dann wieder ausgetauscht. Ich gab ihr ihren und sie mir meinen. 

Von diesen Schlüsseln begegnen uns viele in unserem Leben. Manche wissen wir zu nutzen, andere nicht. Es sind die Schlüssel zu unserem eigenen Herzen die wir verteilen und die, wenn sie zu uns zurückkommen, unser Herz öffnen. 

Dabei ist es nicht einmal wichtig ob es diejenigen Schlüssel sind die wir ausgeteilt haben die zu uns zurück finden. Sie sind universell. Ein Schlüssel der in jedes Schloss passt das sich ihm bietet. 

Das es bei Sonny und mir der war, den wir uns einmal gegeben haben, war in diesem Fall reiner Zufall.”

“Und was hatte es mit der Entschuldigung auf sich?”

“Hat sie es denn verstanden?”

“Sie hatte gar nicht groß reagiert als ich es ihr sagte. Aber sie schien auch nicht überrascht zu sein. Also, was hat es damit auf sich?”

“Das Heike, überlasse ich deiner eigenen Vorstellungsgabe. Probier es doch einfach einmal aus. Vielleicht handelte es sich ja ebenfalls um einen dieser Schlüssel. Und vielleicht probierst du ihn ja dann an deinem Herzen aus und es stellt sich dabei heraus dass er für dich bestimmt war. Aber wer kann das schon mit Sicherheit sagen. Das ist das Geheimnis mit diesen Schlüsseln. Mal sind sie da, mal nicht. Mal werden sie von uns erkannt, ein anderes Mal sehen wir irgendetwas anderes darin. Und was es in dem einen Moment gibt, ist plötzlich nicht mehr da und umgekehrt. Aber das musst du für dich herausfinden. Ich kann dir nur raten, dich darauf einzulassen.”

Ein kleiner Strahl von Licht in einer dunklen Nacht

“Oh Mann, was für ein Glück dass Du da bist. Wir wissen hier nicht mehr weiter. Da geben wir einen Haufen Geld aus für Software und Support und dann sowas; mal wieder.”

Er geht hektisch vor mir her. Weist mir den Weg durch die riesigen Räume des Großraumbüros. Mir läuft der Schweiß die Stirn herab und auch in meine Arschritze hinein. 

“Du bist wohl mit dem Velo gekommen”, eine kurze Bemerkung, dann ist er wieder in seiner Welt. Wie wärs mit mal einem Schluck Wasser, dann kannst du dir dein Velo Gequatsche in den Arsch schieben, denke ich bei mir, aber lächele ihn an, als würde uns etwas verbinden.

Hundertfünfzig die Stunde, da hält man schon mal den Arsch für hin.

Er führt mich an einen Tisch an dem ich arbeiten kann und gibt mir die Login Daten. “Du kommst klar?” “Ja, alles gut. Ich sag Bescheid wenn ich was brauche.”

Mit Sicherheit jedoch nicht von diesem Typen. Ob der überhaupt irgendetwas kann außer einen auf wichtig zu machen und sich aufzuspielen. Nicht mein Problem. Ich bin wegen der Kohle hier und nur deswegen.

Ich fange an. Plötzlich merke ich dass jemand hinter mir steht. Ein junges Mädchen, vielleicht Anfang 20 welche eine Wasserflasche in der Hand hält. “Ich dachte, dass sie vielleicht ein Wasser wollen”, lächelt sie mich schüchtern an. Wenigstens ein Mensch hier der noch nicht total taub geworden ist, denke ich bei mir und bedanke mich.

Der Typ vom Anfang kommt hektisch heran und schnauzt sie an. “Was stehst du hier um, hast du nichts zu tun?” Ich überlege kurz ob ich auf den Auftrag und den Kontakt scheissen und ihm die Fresse einschlagen soll. Was für ein wertloser Wichser. Sie zuckt zusammen, entschuldigt sich etwas stotternd und weiss nicht so recht wie sie reagieren soll.

“Ich brauche hier jemanden und habe sie gebeten mir ein Wasser zu holen, ist das ein Problem?”, frage ich das Arschloch und sehe ihn durchdringend an. “Nein, nein, kein Problem. Dann hilft Du ihm, kapiert?!”. Augenblicklich zieht er wieder ab um jemand anderem auf den Sack zu gehen. 

“Dankeschön”, 

“Nicht dafür”. 

Ich schiebe ihr einen Laptop rüber, öffne wahllos irgendeine Seite und die Entwicklertools. 

Es spielt sowieso keine Rolle. Es soll nur aussehen, als hätte sie etwas zu tun wenn der Schwachkopf wieder kommt. Der ist wohl der Letzte der den Braten riechen würde. Sobald der Depp Code sieht, steigt er sowieso aus, weil er von nichts eine wirkliche Ahnung hat.

Nach einer guten Stunde ist mein Werk getan. Ich packe meine Sachen zusammen und sehe mich nach dem Idioten um, damit er mir meinen Dienst quittiert.

“Läuft es wieder? Oh Mann, Du bist echt mal wieder unser Lebensretter. Was würden wir nur ohne Dich tun. Du schickst uns die Rechnung? Und tausend Dank nochmal.” 

Schieb Dir Deinen Dank hinten rein du dämliche Mißgeburt. Es ist die Kohle die mich hierher treibt. Nicht dein Scheissladen, nicht du oder all die anderen aufgeblasenen Schwachköpfe die hier um rennen.

“Klar, gern geschehen. Ich muss jetzt los”

Als ich endlich wieder draussen bin, hole ich erst einmal tief Luft. Was für ein Glück, dass ich diesem Dreck zumindest nicht jeden Tag meine Aufwartung machen muss. 

Als ich mein Fahrrad aufschliesse steht die Kleine neben mir.

“Danke nochmal. Ich bin neu hier und irgendwie scheine ich noch alles falsch zu machen.” 

“Du machst überhaupt nichts falsch, Süße, Du bist nur am falschen Ort. Viel zu schade für diesen Haufen Scheisse hier.”

Sie senkt schüchtern lächelnd ihren Blick. “Das ist sehr nett von Ihnen.”

“Hast Du Feierabend?”

“Ja, für heute bin ich fertig.”

“Hunger?”

“Ja, ich muss mir gleich mal was besorgen.”

“Ich auch, leistest du mir Gesellschaft.”

Sie wird etwas rot im Gesicht. “Ja gerne” 

Also gehn wir in ein Restaurant in der Nähe, dass zumindest erträglich ist.

Mit der Zeit wird sie lockerer. Erzählt von sich, ihrer Familie und was sie hierher brachte. Während sie erzählt sehe ich sie verträumt an und denke mir wie stolz ihre Eltern auf sie sein müssen. Ihre Augen sind offen, ihr Lächeln ein einziger Schlüssel für Herzen die noch nicht völlig verkrustet sind. 

Wir sitzen noch eine ganze Weile zusammen. Als wir uns verabschieden tauschen wir unsere Nummern aus und versprechen uns wieder zu sehen. 

Wenigstens ein Mensch der auch das Wort wert war an diesem Tag. Mit Gold nicht aufzuwiegen.