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„Oh Mann, helft mir doch bitte. Ich hab so einen Hunger!“ Er steht am Eingang der Bank, wo sich die Automaten befinden und ist offensichtlich verzweifelt. Ich bekomme solche Behauptungen zwar des Öfteren zu hören, schließlich wohne ich in einer der heruntergekommenen Ecken von Berlin. Dass der Leidtragende dabei jedoch bitterlich weint, ist irgendwie neu für mich.

Sein Schmerz rührt mich und ich würde ihm gerne helfen. Aber ich habe keinerlei Geld einstecken und die letzten zwanzig Euro, die ich mir für diesen Monat aus dem Automaten ziehen kann, sind schon fest für Dope eingeplant. Dafür bin ich extra hier hergekommen. Wenn ich ihm von diesem Geld etwas abgeben würde, müsste ich dafür auf meinen Turn verzichten. 

Zwar erscheint mir Hunger als ein dringenderes Verlangen, als dem Drang danach High zu werden nachzugeben, aber so leid es mir tut und so hart es auch ist, es handelt sich nicht um meinen Hunger. Als ich wieder aus der Bank komme, kann ich ihn aus meinen Augenwinkeln sehen. Vorher habe ich ihn nur hören können. Er stützt sich auf eine Krücke. Die Hose seines rechten Beins ist abgeschnitten und hochgeschlagen, aber ganz genau kann ich das auf die Schnelle nicht erkennen. Er trägt einen Verband an diesem Bein. Auch ansonsten wirkt er sehr angeschlagen und mein erster Gedanke ist, dass es weniger der Hunger ist, der ihn zu dieser Verzweiflungstat treibt, als vielmehr irgendein Affe, der ihm im Genick sitzt und nach Tribut verlangt.

Verdammt, die Welt kann schon ein unbarmherziges Etwas sein, denke ich bei mir und überlege kurz, ob ich ihm nicht doch irgendwie helfen kann. Aber ich habe keinerlei Geld, außer den besagten und schon fest verbuchten zwanzig Euro bei mir und mein Drang nach Hilfestellung geht nicht so weit, dass ich bereit wäre auf mein High zu verzichten. So schwinge ich mich auf mein Fahrrad und denke an eine Aussage eines Buches zum Thema glücklich sein, dass ich vor einigen Tagen gelesen habe. 

„Machen Sie sich frei davon, sich von jedem Problem emotional angesprochen zu fühlen, dass nicht das Ihre ist“, stand dort geschrieben. Soll ich die Gelegenheit nun als Test sehen, dieses theoretische Wissen in die Praxis zu übertragen? Oder ist es nur ein Indiz dafür, welche Kälte hinter solchen Aussagen steckt? Ich bin mir nicht schlüssig. Wie immer gibt es gute Gründe die dafür und auch solche die dagegen sprechen.

Vor allen Dingen wird mir bewusst, wie sehr auch ich davon gefangen bin, ein Heuchler zu sein. Jeden Tag klage ich die Welt an, aber wenn ich in der Lage wäre konkret etwas zu tun, rede ich mich mit Spitzfindigkeiten heraus. 

Einen kleinen Moment lang versuche ich, einen anderen Schuldigen zu finden. Die Gesellschaft, den Staat, der letztendlich nur ein anderes Wort für Gesellschaft ist, oder die anderen Leute, die ebenso diese Freakshow mitbekommen und die nicht helfen, obwohl sie es tun könnten. 

Aber auch ich hätte helfen können, wenn es mir denn wichtig genug gewesen wäre. Wichtig genug dafür auf etwas zu verzichten auf das ich gerade Lust hatte. Und ich bin mir durchaus bewusst darüber, dass es immer darauf hinausläuft. Schließlich lässt sich immer irgendeine Ausrede finden, wenn man nur gründlich genug nach ihr sucht. Vielleicht ist diese Welt ja auch deswegen so ein Scheißhaus, weil auch ich meinen Teil dazu beitrage sie dazu zu machen.

Aber jetzt ist es erst mal gut mit den hintergründigen Gedanken. Ich habe das Geld gegen Rauchstoff umgetauscht und werde erst einmal wieder auf Tauchfahrt gehen. Letzten Endes, um mich vor dem Schlechten dort draußen zu schützen, zu dem ich selbst gehöre.