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Ich sitze in einem Kaffee irgendwo in Berlin. Maybachufer. Ist, glaube ich, Kreuzberg. Kann aber auch sein, dass es was anderes ist. Neukölln? Wedding ist es nicht. Da komme ich her. Das ist woanders.

Auf dem kleinen Tisch an dem ich im Außenbereich sitze steht mein Kaffee und mein Tabak liegt auch dort. Ebenso ein Aschenbecher und das Buch, dass ich gerade lese. 

Der bescheuerte Tisch wackelt wie Hechtsuppe. Obwohl; ich glaube es zieht wie Hechtsuppe. Wie wackelt es dann? Wie Sau? Aber warum sollte ein Schwein wackeln? Vielleicht vor Angst wenn es zum letzten Gang geht und es den Schlachter sehen kann, der schon die Messer wetzt. 

Aber ist auch egal. ich sitze da, sehe zum Kanal hinüber und träume vor mich hin.

Wenn man irgendwo sitzt und vor sich hin träumt, dann sieht man irgendwie durch alles hindurch. So als sei die ganze Welt um einen herum nur ein leichter, durchsichtiger Vorhang, der einen nicht berührt. Egal was dann um einen herum passiert, alles verschwindet hinter diesem Vorhang. Auch wenn es direkt vor den eigenen Augen stattfindet.

Warum ist nur allen so wichtig, ob das eine Kreuzberg ist und das andere der Wedding, oder Mitte, oder was auch immer? Sind doch alles bloß Orte. Der Eine hier, der andere da. Aber Menschen suchen immer so etwas wie Heimat. Einen besonderen Ort, an dem sie mehr sie sind, als sonst wo. Und jeder findet seine Heimat ist die Beste. Ist mir egal. Ich bin dort zuhause, wo ich gerade bin, oder nirgendwo. Oder vielleicht dazwischen. Aber egal wo ich bin, bin ich immer ich. Kein Anderer. Weder besser noch schlechter. Die Leute mit ihren Befindlichkeiten. So wirklich verstanden habe ich sie noch nie.

“Na, was bist Du denn für einer?”

Was ist was? Ich verstehe anfangs nur Bahnhof. Wieder so ein Ding mit dem Träumen. Es geschieht etwas direkt vor mir und irgendwie auch wieder nicht. Schon eigenartig.

Doch sie steht dort direkt vor mir. Ich kann sie deutlich sehen. Auch scheint sie mich zu meinen. Sonst ist niemand da. Vielleicht hat sie aber auch nur nicht mehr alle Tassen im Schrank. Soll es auch geben. Ich beschließe, dass es erst einmal besser ist weiter zu träumen. Zumindest solange bis ich begreife was sie von mir will.

“Wer Du bist? Und was Du machst, meine ich? Sag mal, bist Du bekifft? Ich steh doch direkt vor Dir? HALLO”

O.k. Sie scheint wirklich mich zu meinen. Oder ihr Sockenschuß ist noch größer als gedacht. Wäre nicht das erste Mal, dass ich das erlebe. Ist aber die letzten Jahre anders geworden. Berlin hat sich verändert. Ist kaum wieder zu erkennen. Früher hatte hier jeder einen Knall. Oft sogar einen ziemlich beachtlichen. Kaum eine U-Bahn fahrt verging, ohne dass irgendetwas vollkommen bizarres geschah. Irgendein halbnackter und total verdreckter Typ, der erfundene Opern zum Besten gab und mit einer Socke in der Hand herum ging, anstelle eines Hutes. 

Und solche Dinge waren noch ziemlich gewöhnlich. Mit der Zeit nahm man sie überhaupt nicht mehr wahr. 

Eine der besten Geschehnisse  die ich erlebt hatte war, als eine uralte, gebückte Frau von so einem Fahrkartenheini auf Ihr Billet angesprochen wurde und sie nur ein lautes und mürrisches “Verpiss Dir”, von sich gab. Der ganze Rest des Wagons brach in schallendes Gelächter aus und die arme Kontrollettinase musste sich eine ganze Weile gedulden, bis er endlich an der nächsten Haltestelle flüchten konnte.

Hätte er die Alte auch nur schräg angesehen, oder gar irgendwelche Mätzchen gemacht, der gesamte Wagen wäre über ihn hergefallen und hätte ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt. Einfach so. Ohne Schläger Ambitionen zu haben, oder sonst was. Sogar der eine Typ im edlen Zwirn hätte da mitgemacht. Damals war vieles noch anders.

Aber heute?

“Was Du machst Mann? Sag mal siehst Du mich nicht?!”

Was will die denn von mir? Kenne ich die? Ich sehe sie genauer an. Sie trägt irgendwelche Sachen, die überhaupt nicht zusammen passen. Gummistiefel, darüber ein gepunkteter Rock und eine Jacke, die so pink ist, dass mir die Augen davon brennen.

Ich scanne sie von oben nach unten. 

“Was willst Du von mir?”

“Was ist das denn für eine Frage? Ich hab doch klar gefragt. Kennst Du meine Sprache nicht?”

Komisch. Ich habe doch ihre Sprache benutzt. Wie sollte ich sie dann nicht kennen? Ich lege den Kopf etwas schief wie ein Hund der sich fragt, was da vor ihm gerade wohl geschehen sein mag.

“Sag mal, bist Du immer so arrogant, dass Du nicht auf eine Frage antwortest die man Dir stellt?”

“Nö, nur zu blöde. Sorry, ist der Klebstoff. Ich sollte wohl weniger dran schnüffeln.”

Sie sieht aus als ob der Blitz neben ihr eingeschlagen hätte. Sie holt tief Luft um loszulegen. Dann scheint sie einen Moment zu überlegen und schnauft dann laut wieder aus, ohne etwas zu sagen. Sie sieht nach rechts und links, will wieder etwas sagen und bricht wieder ab.

“Ach was solls, dann Scheiß doch drauf!”

Mit einer Mischung aus Entrüstung und Enttäuschung stampft sie ab. 

Was war das denn gerade? Und was wollte die von mir? Ich habe nicht die geringste Ahnung und ziehe wieder den Vorhang zu. Es dauert keine zwei Minuten bis sie vor mir steht.

“Sag mal, hab ich Dir irgendwas getan? Ich hab Dich doch nur freundlich was gefragt. Was war denn da jetzt so schlimm dran?”

“Ich hab Dir doch geantwortet.”

Es ist wieder das gleiche Spiel wie zuvor. Sie holt Luft, will loslegen, bricht dann ab, holt wieder Luft und stampft ab. 

Und ich ziehe erneut meinen Vorhang vor. Diesmal dauert es jedoch nur etwa eine Minute bis sie in meine Träume hinein platzt. 

“Echt jetzt? Das Du Klebstoff schnüffelst? Und das soll ich Dir abnehmen? Du hast mich doch nur verarscht.”

“Wie kommst du darauf?”

“Na weil doch kein Mensch der so einen Scheiß macht wie Klebstoff schnüffeln so wie Du in einem Kaffee sitzt, vor sich hin träumt und ein Buch vor sich da liegen hat. Und ganz bestimmt nicht so eins.”

“Du scheinst ja viele Leute zu kennen die Klebstoff schnüffeln, wenn Du so genau weisst, was die so treiben. Vielleicht bin ich ja eine Ausnahme.”

“Eine Ausnahme, klar doch. Ein Typ der in einem Kaffee sitzt und die Kritik der reinen Vernunft vor sich liegen hat und dazu noch ein Jacket trägt, schnüffelt Klebstoff und bezeichnet sich als dumm. Dann wärst Du wirklich eine Ausnahme. Und was für eine. Und das kann ich Dir sagen, obwohl ich noch nie einen getroffen habe, der sich so eine Scheisse in die Nase zieht.”

Ich nehme eine Packung Uhu Kleber aus meiner Tasche und lege sie wortlos vor mir auf den Tisch.

Nun macht sie ein Gesicht als hätte sie nicht einen, sondern alle Blitze die jemals auf die Erde herunter gegangen sind, auf einmal gesehen.

Sie öffnet ihren Mund und schließt ihn wieder. Und öffnet und schließt und öffnet und lässt ihn eine ganze Weile offen stehen. Dann schließt sie ihn und lässt sich neben mich auf einen Stuhl fallen. 

“Ach du heiliges Kanonenrohr. Du schnüffelst wirklich Klebstoff! Ich dachte das sei voll gefährlich.”

“Zumindest macht es ziemlich dumm.”

“Aber warum machst Du es denn dann. Ist der Turn sooo gut?”

“Ne, fühlt sich ziemlich mies an.”

“Aber warum machst Du es dann?”

“Na weil es dumm macht, hab ich doch schon gesagt.”

“Du schnüffelst Klebstoff damit es Dich dumm macht? Warum tust Du denn sowas.”

“Damit ich die dummen Fragen ertrage, die mir so gestellt werden.”

Plötzlich ist sie ganz schnell im Kopf.

“Was bist Du denn für ein Arschloch? Ich hab Dir doch gar nichts getan. Echt jetzt mal. Ich bin doch voll freundlich zu Dir gewesen. Oh Mann, dass ist voll Scheisse von Dir.”

Sie steht auf, lässt traurig ihre Arme hängen und geht enttäuscht weg, ohne weiter etwas zu sagen.

Ich gehe an die Bar und hole ihr einen frischen Minztee und stelle ihn auf den Tisch. 

Nach einigen Minuten ist sie wieder da. Sie hat Tränen in den Augen. 

“Kannst Du mir bitte mal sagen, was diese Scheisse sollte? Hab ich Dir irgendwas getan?”

“Hier ist Dein Tee”

“MEIN WAS???”

“Dein Tee. Ich hoffe Nanaminze ist o.k. Den trinke ich am liebsten. Ich kann Dir aber auch einen anderen holen wenn Du magst.”

Sie trinkt ihren Tee und wir schweigen eine ganze Weile. Dann dreht sie sich um und sieht mir, immer noch mit Tränen in den Augen in Meine. 

“Aber warum?”

“Weil es keine andere Möglichkeit gab.”

Sie sieht mich fragend an, stellt aber keine. 

“Wenn ich Dich hier jetzt so sitzen sehe, Deine Augen tränen feucht, aber Dein Blick offen und klar. Nicht belegt von irgendwelchen verdeckten Vorhängen hinter denen Du verborgen bleibst, dann kann ich sehen was für ein wundervoller Mensch Du bist. Obwohl ich Deine Träume nicht kenne, kann ich doch ganz klar erkennen, dass Du welche hast. Und ich meine nicht diesen Unsinn den man herunter betet wenn man danach gefragt wird, oder den man sich zurecht legt um einem Zeitgeist zu entsprechen. Nein, ich meine Deine echten Träume. Die sich nicht in Worte fassen lassen, sondern wie eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas sind. 

Hätte ich mich auf Deine Art eingelassen, hättest Du mir das nicht zeigen können. Wir hätten irgendeinen belanglosen Unsinn erzählt und dann wären wir wieder unserer Wege gegangen, ohne uns je wirklich begegnet zu sein. Ich hätte Dich nicht zu Gesicht bekommen. Nur Deine Maske und Du hättest nur Meine wahrnehmen können. Das wollte ich uns Beiden ersparen und ich finde dass es das wert war.”

Nun fließen ihr wieder frische Tränen aus ihren Augen, nur dass sie diesmal lächelt. Ein Lächeln dass so rein und herzergreifend unverstellt ist, dass auch mir die Tränen kommen. So sitzen wir schweigend da, sehen uns an, lächeln verträumt und weinen. 

Ist mir doch egal ob das hier scheiß Kreuzberg oder der Arsch von irgendeiner anderen Scheiße ist. Was wirklich zählt ist das es ist. Hier, jetzt und in diesem Moment. 

Wozu doch so eine Packung Klebstoff gut sein kann, die man zufällig einstecken hat. Aber ist es nicht gerade so, dass Klebstoff dazu angedacht ist Dinge zu verbinden?