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Ich habe mich in meinem Zimmer verbarrikadiert und versuche diese scheiß Welt dort draußen zu lassen. Dorthin wo sie hingehört. Irgendwohin wo ich nicht bin. Doch so sehr ich mich auch abschotte, sie dringt immer wieder auf die ein oder andere Art zu mir herein. Und wenn es nur der Hunger ist, der mich immer wieder aus meiner sicheren Höhle treibt. 

Auch das Scheißen zwingt mich sie zu verlassen. Pissen kann man ganz gut in Flaschen. Deckel drauf und man hat erst mal seine Ruhe. Hin und wieder muss man die Behältnisse zwar leeren, aber eben nur hin und wieder. Wie ich im Zimmer scheißen kann, ohne mir selbst damit ein Bein zu stellen, habe ich aber noch nicht herausfinden können. Es wäre praktisch wenn man seine festeren Ausscheidungen einfach wieder essen könnte. Oben rein, hinten raus und wieder alles von Anfang. Aber so ist das eben mit dem wäre. Es ist nicht. Auch muss ich mich hin und wieder waschen. Da ich niemanden in meine Welt hinein lasse, kann ich mit meiner Hygiene etwas großzügiger sein. Wen juckt es schon wenn ich stinke. Dummerweise irgendwann mich selbst. Also ein weiterer Grund der mich zwingt mein Versteck zu verlassen. 

Ich konnte die Welt da draußen noch nie leiden. Als ich jünger war, flüchtete ich mich regelmäßig in die Abgeschiedenheit der Natur. Aber als ich Älter wurde, begriff ich immer mehr, dass auch Diese ein Arschloch ist. Und je mehr ich den Gedanken verfolgte, umso klarer wurde mir, dass gerade sie das größte Schwein von allen ist. Denn alles um mich herum ist Natur. Natur ist auch wenn da keine Bäume sind. Natur ist immer, solange irgendetwas ist. Natur gibt es auch auf dem Mond. Ist nur eben nicht viel los dort mit ihr. Was aber wiederum auch etwas sympathisches hat. Denn je weniger die Natur irgendwelche Möglichkeiten bekommt, desto weniger kann sie es vergeigen. Die Natur hat uns hervorgebracht. Alleine das zeigt mir deutlich, was für eine blöde Fotze sie doch ist. 

Wenn mir alles zu viel wird, hole ich mir einen runter. Es hilft für einen Moment allen Unsinn zu vergessen, indem man sich in Unsinn verliert. Ist aber eben auch natürlich. Das bekomme ich dann zu spüren, wenn die Erregung verflogen ist. Zurück bleibt eine Sauerei, die man wieder loswerden muss. Außerdem zwingt mich diese Betätigung öfter dazu mich zu waschen, als wenn ich ihr entsagen würde. Ich mag ich den Geruch von Fisch nun mal nicht.

Früher habe ich viel gelesen und geschrieben, um mich von der Einsamkeit abzulenken die mein Lebensstil zwangsläufig mit sich bringt. Irgendwann begriff ich dann, dass man in aller Regel für das Außen schreibt. Niemand macht sich die Mühe einen Roman zu verfassen den keiner lesen wird. Auch komponiert man keine Opern, wenn es da nicht andere Ohren als die Eigenen gibt, denen sie zu Gehör kommen könnte. Also lies ich das Schreiben bleiben. Mit dem Lesen verhält es sich leider ganz ähnlich. Man läßt automatisch das Außen nach Innen wenn man etwas liest. Ausser natürlich, man hat es selbst geschrieben. Aber dann braucht man es nicht mehr zu lesen. Man kennt es schließlich schon.

Drogen sind ein tolles Mittel um einen Wall zwischen sich und dem Anderen aufzubauen. Aber die kosten Geld und kommen auch von Draussen. Da ich das Eine nicht habe und das Andere nicht will, hat sich das damit leider auch erledigt. Ich weiß nicht, wie man sich diese Mittel selbst herstellt. Vielleicht würde es mir gelingen etwas alkoholisches aus eigener Kraft zu produzieren. Aber ich mag keinen Alkohol. Alkohol macht alle hohl. Und ich will mich nicht aushöhlen. Ich will nur mit nichts etwas zu tun haben. LSD ist da schon eine andere Hausnummer. Meiner Erfahrung nach die vielleicht Einzige, die das Gebäude auch wirklich wert ist, das man an ihrem Ort erbaut. Aber wie sollte ich das selbst herstellen? Ich hatte nicht einmal Interesse an der einfachen Chemie, die man in der Schule eingeprügelt bekommt. Geschweige denn, dass mein Interesse und damit auch meine Möglichkeiten so weit gingen, diese Substanz herzustellen.

Also liege ich die ganze Zeit in meinem Bett und sehe mal die Decke, mal die Wand an. Je nachdem wie ich mich hin lege. Manchmal sehe ich auch die Matratze vor mir. Aber eher selten. Ich bin nur sehr sporadisch ein Bauchlieger. Da einen die Gedanken oft dahin führen wo sie wollen und nicht dorthin wo man sie haben will, versuche ich so wenig wie möglich zu denken. Einfach kucken. Mehr nicht. Von Zeit zu Zeit die Augen zu und die Pausentaste drücken. Geht aber leider nicht immer. Zwischendurch ist man wach und muss dann halt sehen, wie man damit klar kommt. 

Warum haben mich meine Eltern nur in diese Welt geworfen? Aber das ist eine rein rhetorische Frage. Oh, wir lieben uns so sehr, dass wir es anders gar nicht aushalten als diese Liebe weiter zu geben. Den Schlamassel habe ich jetzt an der Backe. Danke M&P, gut gemacht! Muss wohl so etwas wie selbstlose Liebe gewesen sein, die mich hat entstehen lassen. Gute Nacht, verarschen kann ich mich selber. Aber ich kann eben nicht ständig schlafen. Also bleibt die gute Nacht leider bedingt. 

Irgendein Geräusch dringt zu mir durch. Verdammte Scheisse, was ist das??? Mein Tinnitus ist es nicht, der hört sich anders an. Aber so ähnlich ist das Geräusch und es will einfach nicht aufhören. Ich wuchte mich genervt aus meinem Bett um der Ursache auf die Schliche zu kommen. Es stellt sich heraus, dass es von meiner Wohnungsklingel kommt. Was soll dieser Unsinn? Ich wohne nun schon seit Jahren hier und höre dieses Geräusch zum ersten Mal. Wer wagt so penetrant in meine Welt einzudringen? Als das Geräusch nicht von selbst aufhört und die Klingel nicht ihren Geist aufgeben will, so sehr ich auch mit meinem Fuß dagegen trete, öffne ich dann irgendwann doch die Tür. Bereit dem Verursacher den Marsch zu blasen; wenn nicht sogar mehr. “Jetzt gibt’s was auf die Fresse”, schreie ich, während ich öffne. 

Vor mir steht ein kleines Kind. Wird wohl ein Mädchen sein. Ist zumindest so gekleidet. Vielleicht handelt es sich aber auch um einen Jungen, dem sein kleiner Schniedelwutz im Weg ist. So genau kann man das heutzutage nicht sagen. Verdammter Mist, ich kann doch keinem kleinen Kind die Scheiße aus dem Leib prügeln. Umso so sauerer bin ich auf sie. 

“Was willst Du verdammt!”, schreie ich sie an. 

Sie sagt gar nichts. Sieht mich nur erschrocken und mit großen Augen an und lässt Tränen fließen. Nicht jetzt auch noch die Nummer. Wie soll man denn einen Feind bekämpfen der einem leid tut. Was für eine kleine, durchtriebene Fotze. Kann noch nicht auf den Tisch spucken, bedient sich aber schon solcher unfairer Methoden. Na, dass kann ja was werden. 

“Was Du willst, habe ich Dich gefragt!” 

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis sie mir endlich antwortet. 

“Meine Mamma ist nicht da.” 

“Na und, warum kommst Du dann zu mir? Sehe ich so aus, als ob ich eine brauchbare Ersatzmutter sein könnte?” 

“Aber ich weis doch nicht wohin”

“Na, das weiß ich auch nicht. Ich weiß ja noch nicht mal wo ich selbst hin soll.” 

Sie antwortet nicht, sondern sieht mich nur mit ihren großen, verheulten Augen an. 

Keine Ahnung warum, aber ich lasse sie tatsächlich rein, gehe mit ihr in die Küche, lasse sie auf einem Stuhl Platz nehmen und mache ihr einen Tee. Dann setze ich mich ihr gegenüber und wir schauen uns eine ganze Weile lang schweigend an. 

“Wenn Du Deinen Tee getrunken hast gehst Du.”

“Aber ich weiß nicht wohin.”

“Und woher soll ich das wissen???”

“Aber Sie sind doch erwachsen.”

Oh Scheisse, Kleine. Was macht das für einen Unterschied? Als ob der Mensch mit zunehmendem Alter automatisch weiser würde. Er wird einfach nur älter. Nur weil man ihm ständig einredet, dass er deswegen auch vernünftiger würde, ist es lange noch nicht so. Er macht nur einfach das was von ihm erwartet wird. Und da er meist keine Ahnung hat, äfft er das nach, was er für ein angemessenes Verhalten eines Erwachsenen hält. Ich möchte ihr das erklären. Doch dann fällt mir ein, dass sie noch ein kleines Kind ist und diese Erfahrung noch nicht machen musste. Wie sollte ich ihr also diesen Unsinn erklären. 

Sie nestelt an ihrem Rucksack herum und holt ein verschlissenes Stofftier, das wohl einmal einen Hund darstellen sollte heraus.

“Das ist Herbert.”

Und das ist das einzige was mir noch irgendetwas gibt, aber leider nach Fisch stinkt, möchte ich ihr entgegen schleudern und ihr meinen Schwanz vor die Nase halten. 

Aber dann fällt mir ein, daß sie schließlich auch nichts dafür kann. Sie ist offensichtlich genauso unvermittelt in die Welt geworfen worden wie das bei mir der Fall ist. Das macht sie in einem gewissen Sinne zu einer Leidensgenossin und ohne es wirklich zu begreifen, fühle ich mich seit langer Zeit plötzlich nicht mehr so alleine.

“Also Herbert heißt er. Er soll wohl ein Hund sein.”

“Ja, und auch ein ganz Lieber.”

Na ja, ein Schöner ist es auf jeden Fall nicht, will ich sagen, halte aber meine Klappe weil ich sie nicht verletzen will. Zudem Herbert mich an mich selbst erinnert. Auch ich habe schon bessere Tage gesehen. Und je länger ich ihn mir anschaue, desto sympathischer wird er mir. Noch ein Leidensgenosse.

“Herbert ist cool”, sage ich etwas unbeholfen zu ihr.

“Er ist lieb und weiss wann ich traurig bin”, antwortet sie mir.

Ihr scheint es wirklich so wie mir zu gehen. Vielleicht bin ich ja doch nicht ganz alleine auf dieser Welt. 

“Und wenn ich traurig bin, dann nimmt er mich immer in den Arm.”

Ich empfinde einen Schlag in der Magengrube, den ich so nicht kenne. Das was sie sagt, macht mich wütend und traurig zugleich. Dabei geht es gar nicht um mich. Sie ist nicht ich, also warum sollte ich mich für ihre Probleme interessieren? Das ist neu für mich und ergibt erst einmal keinen Sinn. Aber je länger ich die Situation auf mich wirken lasse, desto mehr geht mir das was sie sagt zu Herzen.

“Ich wollte ich hätte auch einen Herbert”, sage ich zu ihr.

“Ich kann Ihnen meinen mal leihen”, sagt sie und reicht ihn mir herüber. 

Ohne darüber nachzudenken nehme ich Herbert in den Arm und plötzlich öffnen sich alle Schleusen bei mir und ich heule los. Erst zurückhaltend, dann immer ungenierter, bis ich den armen Herbert völlig mit meinen Tränen durchweiche. Nach einer Weile beruhige ich mich wieder und gebe ihr dass Stofftier zurück.

“Herbert kann gut trösten, nicht?!”

Da ich immer noch am schluchzen bin, finde ich keine Worte und kann nur unbeholfen nicken. 

“Jetzt hat er auch Dich getröstet.”

Sie ist plötzlich zum Du gewechselt. Was für ein Timing. Auf den Punkt genau. Die Kleine hat’s offensichtlich mehr drauf als all die Arschlöcher die sich da draussen ansonsten rum treiben. Dabei ist sie noch so ein Knirps. Ohne dass es mir anfänglich bewusst geworden ist, beeindruckt sie mich immer mehr. Sollte ich gerade dem einzig brauchbaren Menschen auf dieser riesigen Scheißwelt begegnet sein? Was für ein unwahrscheinlicher Zufall.

Dann höre ich ihren Magen knurren. 

“Du musst hungrig sein”, höre ich mich sagen und es ist, als wenn ein anderes Ich auf einmal unbemerkt die Kontrolle über mich übernommen hätte. Sie nickt eifrig. Ihr Hunger muss sogar ganz gewaltig sein, denke ich bei mir.

“Magst Du Nudeln mit Tomatensoße? Etwas anderes habe ich nicht.”

Sie nickt jetzt ganz heftig und lächelt in froher Erwartung.

Ich setze Nudeln auf, öffne mein letztes Glas Soße und hole sogar den Rest Parmesan aus dem Kühlschrank. Was ist nur los mit mir? Normalerweise würde ich diese Dinge niemals mit irgendjemandem teilen. Insbesondere wenn die betreffende Person sich einfach so in mein Leben zwängt. Schließlich bedeutet dies, dass ich deshalb früher wieder in die verhasste Welt da draußen raus muss. Nun aber erscheint es mir als das selbstverständlichste der Welt. Dann gehe ich eben raus. Nicht für alles Geld der Welt würde ich dies freiwillig tun, aber für sie will ich das machen.

Während wir essen, schweigen wir und sehen uns nur gegenseitig an, wie wir unsere Backen füllen und mit großem Vergnügen kauen. Sie schmatzt dabei ein wenig. Ich lasse mich darauf ein und fange auch an zu schmatzen. Dies entwickelt sich immer mehr zu einem Schmatzwettbewerb, den sie aber, scheinbar mit Leichtigkeit, gewinnt. Die hat es wirklich drauf, denke ich bei mir. Und während wir so vor uns hin schmatzen, fangen wir an zu lachen. Die Situation lässt einfach nichts anderes zu. Je mehr wir lachen, umso größer wird der Anteil des Essens der nicht seinen Weg in unsere Münder, sondern auf den Tisch und den Boden und überall hin findet. 

Als wir aufgegessen haben sehe ich, dass ihr ganzes Gesicht mit der Soße verschmiert ist. Ich gehe zur Spüle und nehme den Lappen der dort liegt um sie sauber zu wischen. Aber dieser Lappen ist eine Beleidigung für alles was einem lieb und wertvoll ist. Ausgeschlossen ihr damit den Mund zu wischen. Das Scheißding stinkt wie die Hölle. Komisch, ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Aber ich habe leider keine sauberen Tücher mehr.

Da fällt mir ein, dass ich noch einen Packen neue Handtücher habe, den ich mir aber eigentlich aufsparen wollte. Na ja, wenn jetzt nicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist davon Gebrauch zu machen, wird er wohl auch nicht mehr kommen. Ich reiße die Verpackung auf, nehme eines der Handtücher heraus, mache es feucht, wobei ich gewissenhaft darauf achte, dass das Wasser angenehm warm ist und säubere sie. Dann greift sie nach dem Lappen und revanchiert sich bei mir. Ich sehe anscheinend auch nicht besser aus als sie.

Plötzlich klingelt es wieder. Ohne weiter darüber nachzudenken, gehe ich an die Tür. Eine Frau steht vor mir, mit sorgenvollem Blick und will mich gerade etwas fragen, als die Kleine an mir vorbei stürmt und in ihre Arme fällt. Ich bitte sie herein und erkläre ihr die Umstände. Sie entschuldigt sich dafür, dass ihre Tochter mich belästigt habe. 

Wenn sie nur wüsste wie wenig in diesem Kontext von Belästigung die Rede sein kann, aber ich weis nicht wie ich ihr das auf die Schnelle erklären soll. Schließlich habe ich selbst keine Ahnung was da gerade geschehen ist. Sie entschuldigt sich immer wieder und erklärt mir, das ihr Job sie des öfteren aufhalten würde und dass sie, gerade als Alleinerziehende, nicht die Möglichkeit habe diesen sein zu lassen.

Ohne darüber nachzudenken biete ich ihr an, dass die Kleine ruhig vorbei kommen könne wenn es später bei ihr wird und ich ihr dann etwas zu Essen machen würde, oder schon einmal anfangen könne mit ihr die Hausaufgaben zu machen. Sie sieht ihre Tochter an und diese teilt, eifrig nickend, ihre Zustimmung mit. 

“Aber nur wenn das wirklich kein Problem für Sie ist.”

Ich bestätige ihr, dass ich die Ressourcen dafür hätte und es mir eine Freude sei. Obwohl ich kein Geld habe, nehme ich ihren Vorschlag mir zumindest etwas dafür zu zahlen nicht an. Irgendwo werde ich die Kohle dafür schon auftreiben, denke ich bei mir. Auch wenn dies bedeutet, dass ich in die Welt da draußen muss und mich nicht mehr so konsequent vor ihr verstecken kann.

Als sich die Beiden verabschieden, bringe ich sie zur Tür. Die Mutter bedankt sich immer wieder und diese Unterwürfigkeit nervt mich. Noch vor einer Stunde, solange war die Kleine in etwa bei mir, hätte ich ihr gesagt, dass sie sich verpissen soll. Jetzt aber muss ich daran denken, wie sie sich für die Kleine den Arsch aufreißt und merke, dass sich ein Gefühl von Respekt in mir breit macht. Ein mir bis dato unbekanntes Gefühl.

Als wir an der Tür sind, greift die Kleine nach meiner Hand, zieht mich zu sich herunter und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Ich muss mich zusammenreißen um nicht vor Rührung los zu heulen. 

Nachdem sie gegangen sind gehe ich zurück in mein Zimmer. Scheiße, wie sieht es denn hier aus, frage ich mich und bekomme einen Schrecken. Das ist doch keine Umgebung in die man ein Kind lassen kann, sage ich zu mir und fange an aufzuräumen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren.