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“Hey Andi, das ist ja ein Zufall Dich mal wieder zu sehen”, riss es mich aus meinen Gedanken. Ich nahm etwas verwirrt den Kopfhörer aus meinen Ohren. Eine alte Bekannte hatte mich aus meiner Welt gerissen und im nächsten Moment sah ich sie. Sonny.

Obwohl ich sie das letzte Mal gesehen hatte als sie ein Baby war erkannte ich sie sofort. Sie hielt die Hand ihrer Mutter. In ihrem anderen Händchen ein Stofftier und wirkte etwas verloren wie sie da stand. Ganz so wie es kleine Kinder eben sind, wenn sie nicht wirklich wissen was sie gerade tun sollen und was als nächsten folgen wird.

“Wie geht es Dir”, fragte mich Ihre Mutter und lächelte mich an. Ich fand nur schwer zu einer Antwort. 

Sonny. Da stand sie plötzlich nach all den Jahren unvermittelt vor mir. 

Ich hatte zu der Zeit mit meiner damaligen Lebensgefährtin und einer langjährigen Freundin von Ihr zusammen gewohnt und Sonny war Ihr Kind, das ich fast vom ersten Augenblick auf dem sie auf der Welt war kannte. Und warum auch immer, vom ersten Tag an, hatten sie eine tiefe Verbindung zu mir gefunden. Sie wollte immer auf meinem Arm sein, auch wenn ihre Mutter gegenwärtig war und diese engen Verbindung, die bei solch kleinen Kindern zumeist nur zu Frauen besteht, hatte sie komischerweise zu mir aufgebaut. Damals wusste ich noch nicht woran das lag. Nur das dies etwas außergewöhnlich war.

Ich hatte sie dann bald aus den Augen verloren da Ihre Mutter wegzog und traf sie einige Zeit später wieder, musste jedoch feststellen, dass diese tiefe Verbindung keinen  Bestand mehr hatte. Sie schien mich gar nicht mehr zu erkennen. 

Und nun stand dieser kleine Mensch, erkennbar größer aber noch nicht wirklich groß geworden vor mir und hielt, wie schon gesagt, etwas verloren die Hand ihrer Mutter.

“Hey Sonny, kennst Du den noch?”, fragte sie ihre Tochter. “Du wolltest als Du ein Baby warst immer nur bei ihm sein. Kannst Du Dich erinnern?”

Die Kleine wusste offensichtlich nicht wovon die Rede war und sah Ihre Mutter fragend und etwas verunsichert an. Mir war die ganze Sache unangenehm. 

Ich konnte es schon als Kind nicht leiden in diese Welt der Erwachsenen hineingezogen zu werden. Die Dinge nur begreifen können, wenn es ihnen gelingt sie zu benennen und für die alles fremd ist das sich ihren Kategorien verweigert. Das habe auch immer an Kindern geschätzt. Zumindest so lange sich diese dem schädlichen Einfluss der Welt, zu entziehen vermögen. Die Einen für Monate, die anderen für Jahre, bis die Welt sie dann ihrem Selbst entreißt und sie in den Formen die man für sie vorsieht zerbricht.

Sonny schien mich nicht mehr zu kennen und das war auch o.k. so für mich. Wir hatten unsere Zeit und wenig widert mich mehr an, als solch einem noch unbefleckten Lebewesen meine Wünsche aufzuzwingen. Gerade weil man ihm damit sein Eigentliches austreibt. Ich bin nicht der der die Menschen in Form presst und lege Wert darauf dass man mich mit dieser Scheisse gefälligst in Ruhe lässt.

Das war auch der Grund warum ich es eher als nervig empfand ihre Mutter wieder zu sehen. Sie hatte ihr eigentliches Ich schon vor langer Zeit verloren. Es war zwar noch da, blieb aber tief in ihr vergraben unter dem Unrat dessen was man als Formwesen so über die Zeit ansammelt.

Ich freute mich Sonny wieder zu sehen. Aber diese konnte offensichtlich nichts mehr mit mir anfangen und anscheinend befand sich die Arme auch schon in der Phase der Pressung. Doch das wollte ich nicht sehen. Gerade wollte ich nur noch raus aus dieser beschissenen Situation. 

Also gab ich einen Grund vor und ging weiter. Als ich ein paar Schritte weiter war, die Musik schon wieder in meinen Ohren merkte ich wie etwas an meinen Hosen zog. Ich drehte mich um und sah dass es Sonny war, die da zog. Sie sah mich an. Ihre Augen waren plötzlich offen und ich konnte sehen, dass sie mich doch erkannt hatte. Sie griff nach meiner Hand und sah mich weiter an. Für ein paar Sekunden standen wir so da. Auge in Auge und tauschten uns aus, ohne dabei ein Wort wechseln zu müssen.

Nach einer Weile hörte ich ihre Mutter etwas verlegen lachend rufen: “Hey Sonny, komm wir müssen weiter.” Ich sah zu ihr herüber und sie blickte mich etwas entschuldigend an. Das Ich in ihr lag leider wirklich tief begraben. So tief, dass sie jede Intuition für den Moment verloren hatte. Wofür hätte sie sich sonst entschuldigen sollen? Das Sonny gerade hier stand und meine Hand hielt? Dafür das ihre kleine Tochter mir gerade einen der kleinen, aber umso wertvollen Momente die das Leben erst ausmachen, schenkte?

Doch so sehr sie auch rief, Sonny machte keine Anstalten ihrem Drängen Folge zu leisten. Sie stand nur da, hielt meine Hand und es war so, als sei zwischen dem Moment indem sie das Baby auf meinem Arm gewesen war und diesem hier kein Augenblick vergangen wäre. Aber ich wusste das sie würde loslassen müssen. Ob sie dass nun wollte oder nicht. Nicht weil ich das zu entscheiden hätte. Von mir aus hätte sie nie wieder loslassen müssen. Ich hätte sie ohne zu zögern mitgenommen und sie so lange begleitet wie es benötigt hätte. Ohne auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden, mir Gedanken darum zu machen was wohl sein würde. Denn ich weiß, dass das Sein so nicht funktioniert. Man kann sich den Moment nicht erhalten indem man ihn einfriert. Denn der gefrorene Moment, auch wenn er dem was man sich da erhalten will äußerlich noch sehr entsprechen mag, er wird immer nur das gefrorene Abbild dieses Moments und nie er selbst sein.

Ich beugte mich zu ihr herunter, sah ihr in die Augen und sprach sie an:

“Hey Süße, ich weiss dass Du das nicht willst, aber Du wirst leider loslassen müssen.”

“Aber ich will nicht.”

“Ich weiss, aber so funktioniert es leider nicht”

“Warum?”

“Weil Du die falsche Hand hältst.”

“Was bedeutet dass, ich halte die falsche Hand. Willst Du nicht das ich sie halte?”

“Mein Schatz, es gibt nichts was ich gerade lieber wollen würde, aber es geht hier nicht um mich.”

“Aber um wen geht es dann?” Sie sah sich nach ihrer Mutter um und in ihrem Blick lag ein Ausdruck, als überprüfe sie in diesem Moment, ob die von ihr geliebte Mutter nicht in Wahrheit sogar ihr Feind sein könne.

“Nein Süße, sie ist es nicht. Deine Mamma hat Dich ganz doll lieb. Vor ihr brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Es ist nur so dass Du gerade meine Hand als einen Stellvertreter dessen hältst den Du wirklich halten möchtest.”

“Und wer soll das sein?”

“Das bist Du selbst, Liebe. Dein bester und einzig wirklicher Freund. Derjenige der Dich imme begleiten wird und immer an Deiner Seite ist, egal was auch passiert. Es wird vielleicht Momente geben in denen Du das vergisst, aber glaube mir, dieser Freund wird immer für Dich da sein, solange es Dich geben wird. Und er wird immer nur für Dich so da sein. Solange Du nicht vergisst dass es ihn gibt und das er hier bei Dir ist, wird ihn Dir niemand nehmen können. Und wenn Du das Gefühl hast dass Du ihn verloren hast und Du Dich Einsam fühlst dann erinnere Dich an meine Worte und öffne Dein Herz, denn dies ist das Auge mit dem Du diesen Freund sehen kannst. In jedem Moment Deines Lebens.”

Sie sah mich etwas kritisch an. “Na dann ist ja gut.” Sie ließ eine Hand los und ging zu ihrer Mutter die nur wenige Schritte neben uns stand. “Wir können jetzt gehen”, sagte sie zu ihr nahm ihre Hand und machte sich auf den Weg. Dabei sah sie sich nicht mehr nach mir um. Aber ihre Mutter sah noch einmal zu mir herüber. Wieder mit diesem entschuldigenden Blick. Obwohl sie jedes Wort verstanden hatte, dass ich ihrer Tochter gesagt hatte, hatte sie jedoch, offensichtlich, nichts davon verstanden. Ihr Ich lag wirklich tief vergraben.

Einige Wochen später klingelte mein Telefon. Ich kannte die Nummer nicht, ging aber ran.

“Ich bins, Heike. Sorry dass ich Dich so überfalle. Ich habe Deine Nummer von Kathrin. Ich hoffe es ist o.k. für Dich dass ich Dich anrufe.”

“Klar, was kann ich für Dich tun?”

“Was hast Du getan?”

“Was meinst Du?”

“Ich meine mit Sonny?”

“Was ist denn mit Sonny? Hat sie etwas?” 

“Nein, es geht ihr gut. Aber es ist etwas ganz komisches passiert. Ich weiss, es muss sich jetzt wahrscheinlich ziemlich verrückt für Dich anhören, aber ich habe das Gefühl, dass Du irgendetwas in ihr ausgelöst hast. Seit wir Dich getroffen haben ist sie völlig verändert. Sie war immer sehr ruhig, wenig zugänglich, zeitweise sogar für mich. Ich war schon bei mehreren Therapeuten mit ihr, aber niemand wusste was ihr fehlte oder konnte ihr helfen. Jetzt ist sie plötzlich ein völlig normales Kind. Tollt herum, äußert sich wie es eben Kinder tun und ist irgendwie gar nicht wieder zu erkennen.”

“Schön dass es geklappt hat. Richte ihr bitte aus, dass es mir leid tut.”

“Das es dir leid tut? Was meinst du damit?”

“Richte es ihr einfach aus. Sie wird es verstehen.”

“Das finde ich jetzt gerade aber etwas unheimlich, ehrlich gesagt.”

“Bist Du denn nicht froh darüber wie sie sich entwickelt hat?”

“Klar doch, deswegen habe ich ja angerufen, weil ich mich bei Dir bedanken wollte, aber auch wissen wollte was da geschehen ist”

“Du warst dabei.”

“Ja, stimmt, aber …”

“Es gibt kein aber. Du hast alles was geschehen ist gesehen und konntest alles was ich ihr sagte hören. Also frage ich mich was Du nun von mir wissen willst.”

“Aber Du hast doch irgendetwas mit ihr getan. Sie ist wirklich völlig verändert seit dem. Und was auch komisch ist, sie hat nicht einmal nach Dir gefragt. Sie weiss z.B. dass ich Dich gerade anrufe. Aber, und das ist mir wirklich unangenehm, sie wollte nicht einmal dass ich Dich grüße. Alles ist so ungreifbar. Und jetzt sagst Du auch noch ich solle ihr ausrichten dass es dir leid täte. Das ist schon ganz schön greapy offen gesagt. Was läuft hier?”

“Wie gesagt, Du hast alles gesehen und gehört was geschehen ist. Richte ihr aus was ich dir gesagt habe. Mehr gibt es nicht zu tun. Du kannst ihr auch gerne einen schönen Gruß von mir sagen, aber es wird sie nicht interessieren.”

“Was meinst du denn schon wieder damit? Echt Andi, das macht mir alles gerade ein bisschen Angst. Ich meine, ich bin echt froh dass es jetzt so geht, aber ich verstehe überhaupt nichts mehr.”

“Es geht auch gerade gar nicht um dich. Warum solltest du es dann verstehen. Es gibt gar keinen Grund dafür. Es ergibt schlicht und ergreifend keinen Sinn für dich weil es, wie ich schon sagte nicht um dich geht. Was ich getan habe, hast du mit bekommen. Da war ansonsten nichts.”

Ich konnte an ihrer Stimme erkennen, dass sie ziemlich verunsichert war.

“Na ja, wie auch immer. Vielleicht muss ich es ja wirklich nicht verstehen. Ich werde es ihr ausrichten, auch wenn ich nicht verstehe warum. Danke auf jeden Fall für das was Du getan hast.”

“Ist schon gut, aber du brauchst Dich nicht bei mir zu bedanken. Ich muss jetzt mal mit meinem Zeug weiter machen. Richte es ihr aus und gib ihr einen Kuß von mir. Alles Gute”

“Ja, äh, Dir auch und danke nochmal. Für was auch immer.”

Ihr Ich lag wirklich tief in ihr begraben.

Einige Zeit später, ich hatte die ganze Sache schon fast wieder vergessen rief sie mich erneut an.

“Hey Andi. Ich bins, Heike. Dass ist mir jetzt echt unangenehm und ich möchte Dich nicht nerven. Du hast echt viel für mich getan. Aber hast Du vielleicht gerade einen Moment?”

“Klar. Wie geht es dem Sonnenschein? Strahlt sie?”

“Ja, sie ist weiterhin wie ausgewechselt. Sie war seit ihren frühesten Kindertagen immer so distanziert. Ich hatte den Verdacht, dass sie vielleicht ihren Vater vermisst und deshalb so ist. Aber seit dem wir dich getroffen haben ist es so, als sei nie etwas gewesen. Ich muss immer wieder daran denken. Es geht mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Und, dass ist mir jetzt echt peinlich danach zu fragen, gerade weil ich auch gar nicht weis was da passiert ist. Aber könntest Du das was du für sie getan hast, vielleicht auch für mich tun? Ich meine dass hört sich jetzt bestimmt total blöde an. Aber du weist ja so ein bisschen wie das mit Robert so lief und wie schräg diese ganze Geschichte auch für mich war. Ich hatte so lange keinen Freund mehr und dann das. Ich bin ja total froh dass Sonny jetzt da ist, aber ansonsten hätte ich gerne auf die Erfahrung verzichtet.”

“Dann würde es aber deine Sonne jetzt nicht geben.”

“Ich weiss, aber ..”

“Hör mal, Heike. Das ist eben so das Ding mit dem Leben. Du weisst nie, was es für dich vorgesehen hat. Alles was dir bleibt ist es so anzunehmen wie es sich Dir gegenüber offenbart und daraus das Beste zu machen. Das geht uns allen so. Unser Problem ist nur, dass wir ständig Vergleiche ziehen. Uns Bilder ausmalen, konkrete Wünsche und Vorstellungen erschaffen und denken, dass wir uns damit einen Gefallen tun würden. Aber so läuft das Leben nun mal nicht. Klar, du hattest es bestimmt nicht immer einfach. Aber dafür hast du Sonny und eines kannst du mir glauben. Ich würde mir ein Loch in den Bauch freuen, wenn sie meine Tochter wäre. 

Weisst Du, was da zwischen mir und Sonny gelaufen ist, stellt sich aus meiner Sicht folgendermaßen dar. 

Du weisst ja noch, dass sie als Säugling ganz verrückt nach mir war. Ich konnte mir das damals selbst nicht erklären und so wirklich habe ich erst begriffen als ich sie wieder sah. Der wahre Grund war wohl der, dass ich sie in diesem Moment wirklich aus ganzem Herzen liebte und dass hat sie gemerkt und dementsprechend reagiert. Mehr war es eigentlich gar nicht. Und damit hat sie mir einen Schlüssel in die Hand gegeben, von dem ich gar nicht wusste dass ich ihn hatte. Und auch ich habe ihr wohl meinen gegeben. In dem Moment den du miterlebt hast, haben wir unsere Schlüssel dann wieder ausgetauscht. Ich gab ihr ihren und sie mir meinen. 

Von diesen Schlüsseln begegnen uns viele in unserem Leben. Manche wissen wir zu nutzen, andere nicht. Es sind die Schlüssel zu unserem eigenen Herzen die wir verteilen und die, wenn sie zu uns zurückkommen, unser Herz öffnen. 

Dabei ist es nicht einmal wichtig ob es diejenigen Schlüssel sind die wir ausgeteilt haben die zu uns zurück finden. Sie sind universell. Ein Schlüssel der in jedes Schloss passt das sich ihm bietet. 

Das es bei Sonny und mir der war, den wir uns einmal gegeben haben, war in diesem Fall reiner Zufall.”

“Und was hatte es mit der Entschuldigung auf sich?”

“Hat sie es denn verstanden?”

“Sie hatte gar nicht groß reagiert als ich es ihr sagte. Aber sie schien auch nicht überrascht zu sein. Also, was hat es damit auf sich?”

“Das Heike, überlasse ich deiner eigenen Vorstellungsgabe. Probier es doch einfach einmal aus. Vielleicht handelte es sich ja ebenfalls um einen dieser Schlüssel. Und vielleicht probierst du ihn ja dann an deinem Herzen aus und es stellt sich dabei heraus dass er für dich bestimmt war. Aber wer kann das schon mit Sicherheit sagen. Das ist das Geheimnis mit diesen Schlüsseln. Mal sind sie da, mal nicht. Mal werden sie von uns erkannt, ein anderes Mal sehen wir irgendetwas anderes darin. Und was es in dem einen Moment gibt, ist plötzlich nicht mehr da und umgekehrt. Aber das musst du für dich herausfinden. Ich kann dir nur raten, dich darauf einzulassen.”