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Mit Musik im Ohr, fahre ich meine morgendliche Aufwachrunde mit dem Fahrrad ab. Ich bin spät dran heute. Normalerweise fahre ich los sobald sich die Sonne zeigt, weil dies die einzige Zeit des Tages ist, in der die Stadt noch frei von Maniacs ist. Heute jedoch habe ich gebummelt und ahne schon, dass ich dafür den Preis zu zahlen habe.

Die erste Station führt mich in einen großen Park nicht weit von mir gelegen in dem es ein Gatter gibt das Wildschweine beherbergt. In der Hoffnung diese noch anzutreffen mache ich mich also dorthin auf. Aber ich bin schon zu spät dran. Die Schweine schlafen und haben sich in ihre Hütte bzw. ins Gestrüpp verzogen worin es unmöglich ist sie auszumachen. 

Ich fahre um das Areal herum und sehe, dass gerade der zuständige Tierpfleger kommt. Bewaffnet mit einer Schubkarre, allerlei Eimern und Tüten in denen ich ihr Essen vermute. Er sieht mich an, als hätte ich ihn beleidigt oder würde es gleich tun. Seine Kleidung macht den Eindruck als sei er gerade aus einer verrauchten Eckkneipe hier her geraten. Das letzte billige Bier auf Ex, dann schnell die Fütterung hinter sich bringen und nichts wie zurück. 

Ich frage mich was wohl sein Problem mit mir ist. Ich habe ihm nicht den geringsten Anlass gegeben. Aber er ist wohl einfach bloß ein echter Berliner. Ständig schlecht gelaunt wenn er sich  nicht gerade in verlebten Kneipen zu flacher Musik besaufen kann.

Um seiner schlechten Laune etwas entgegen zu setzen grüße ich ihn mit einem besonders freundlichen “Guten Morgen”. Er sieht mich an als hätte ich ihm ins Gesicht gespuckt. Ich schüttele meinen Kopf und fahre weiter. 

Auf meinem Weg zurück komme ich an einem auffällig getünchten Haus vorbei das aussieht als habe jemand der frei von jeder art von Geschmack ist, eine Reportage über Hundertwasser gesehen und beschlossen dass er das auch könne. Auf dem Haus prangt in großen Buchstaben ein Spruch in tiefem Berlinerisch, dass Verbundenheit mit dem Viertel vermitteln soll. “Ick steh uf men Wedding”. Ein alberner Versuch des Vermieters aus dem schlechten Ruf des Viertels mit Bejahung der miesen Umstände Kapital zu schlagen. Der Wedding ist ein Scheisshaus. Vielleicht ist er das schon immer gewesen. Da hilft kein dämlicher Spruch sondern nur das billige Bier, dass sich seine Einheimischen hinter die Binde kippen.

Einige Straßen weiter fahre ich langsamer. Vor mir eine Frau, hinter ihr ein Junge von vielleicht 8 Jahren. Sie scheinen zusammen zu gehören.

An der nächsten Ampel knallt der Kleine ihr mit voller Ansicht hinten rein. Sie hat Mühe nicht zu Fall zu kommen, dreht sich um und schnauzt ihn an was das solle. Er schreit sie aus vollem Hals an: “Was willst du denn du Fotze? Ich kann machen was ich will.” Es entbrennt ein verbaler Schlagabtausch zwischen den Beiden. Dann schmeisst er ihr seine Tasche mit verächtlicher Geste in den Korb ihres Fahrrads und fährt in Schlangenlinien vorn weg. 

Tja, Scheiße gelaufen, denke ich bei mir, wohl zu spät um den noch abzutreiben.

Ein paar Straßen weiter steht er dann an einer roten Ampel neben mir und sieht zu mir herüber. Ich erwidere seinen Blick ohne etwas zu sagen.

“Was willst du, he”, schnauzt er mich an. Ich sehe ihm ruhig und tief in seine Augen und sage ihm, dass ich ihn für eine Mißgeburt halte und nicht zögern werde ihn notfalls von seinem Fahrrad zu treten. Er schaut mich verdutzt an und fragt sich wohl, ob ich dies ernst meinen würde. Dann versucht er gegen mein Vorderrad zu treten. Ich gebe seinem Rad einen gezielten Tritt, er fällt hinüber, schlägt sich sein Gesicht auf seinem Lenker auf und fängt unmittelbar zu heulen an. 

Da kommt auch schon seine Mutter angesausst und will mich zur Rechenschaft ziehen. Ich blicke ihr tief in die ihre Augen und sage ganz ruhig zu ihr: “Versuch es meinetwegen. Du bist kein Kind. Bei Dir werde ich nicht soviel Rücksicht nehmen..” Sie sieht dass ich nicht Bluffe, steigt von ihrem Rad und kümmert sich um die kleine Ratte. Die Ampel schaltet auf Grün um und ich fahre weiter.

“Ick fühl mich wohl in meinem Wedding.” Klar doch und ich stehe darauf mir in meine Hosen zu scheissen.

Aber letztlich ist es meine Schuld. Hätte ich doch bloß nicht so gebummelt heute morgen.